Prof. Dr. Reinhard Herzog
Beim Kauf einer Anleihe stehen insbesondere drei Kriterien im Vordergrund:
- die Laufzeit, die sich nach der aktuellen Kapitalmarktlage, vor allem aber nach der persönlichen Situation des Anlegers bemessen sollte,
- die Bonität des Emittenten, wobei der Anleger selbst entscheiden kann, welches Risiko er letztlich eingehen möchte, sowie
- die Rendite, die sich zum einen aus der laufenden Verzinsung, zum anderen aber auch aus Kursveränderungen bis zur Rückzahlung zum vollen Nennwert (100%) errechnet.
Alle drei Komponenten stehen in einer engen Wechselwirkung zueinander. Je länger die Laufzeit, umso höher ist im Regelfall die Rendite. Hingegen bringen Kurzläufer häufig nur einen eher mageren Zins. Vergleichbares gilt für die Bonität: Sichere Papiere wie Staatsanleihen erzielen meist eine niedrige Rendite, während z.B. Unternehmensanleihen einen deutlich höheren Ertrag erwarten lassen.
Erleichtert wird die Anlageentscheidung durch Auswahlprogramme im Internet, die von Finanzdienstleistern wie CortalConsors oder auch der Börse Stuttgart bereitgestellt werden. Nach Vorgaben wie der Anleiheart oder der Laufzeit bekommt der Anleger die geeigneten Papiere mit den aktuellen Kursen, dem Bonitätskürzel und einer Renditerechnung präsentiert. Mithilfe der Wertpapierkennnummer (WKN) bzw. der ISIN kann die ausgewählte Anleihe dann bei jeder Bank oder Sparkasse geordert werden.
Große Kursdifferenzen
Das Problem: Die Musterrechnungen basieren regelmäßig auf dem letzten an der Börse festgestellten Preis. Seit Beginn der Finanzkrise haben sich jedoch die Handelsspannen zwischen Briefkurs (Preis, zu dem der Anleger das Papier kaufen kann) und Geldkurs (Preis, zu dem das Papier verkäuflich ist) oft deutlich erhöht. Insbesondere bei schwer handelbaren Titeln können bis zu 2%-Punkte zwischen beiden Notierungen liegen, zum Höhepunkt der Finanzkrise lag die Spanne sogar bei bis zu 10%-Punkten.
Dies hat jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Renditeangaben: Je nachdem, ob das Angebot oder die Nachfrage nach einem Papier überwiegt bzw. entsprechende Geschäftsabschlüsse erfolgt sind, wird der als Grundlage für die Berechnung herangezogene Börsenkurs eher im Bereich des Geldkurses oder eher im Bereich des Briefkurses angesiedelt sein. Während dies bei einer Kursdifferenz von z.B. nur 0,3%-Punkten – wie sie bei vielen Standardanleihen vorliegt – keine große Rolle spielt, hat es bei größeren Unterschieden erhebliche Auswirkungen.
So kostet etwa der 4,25%ige Jumbo-Pfandbrief der mit AAA bewerteten Bank of Scotland mit einer Laufzeit bis 2014 (ISIN: XS0201674594) aktuell 101,90% bei einer Geld/Brief-Spanne von 101,80% bis 103,98%. Die Rendite aus dem Kurs errechnet sich mit 3,83%, jedoch kann der Anleger das Papier nur zu 103,98% kaufen, was einer realen Rendite von 3,37% entspricht.
Selbst nachrechnen!
Als Kaufinteressent sollten Sie entsprechende Angaben daher im Fall größerer Handelsspannen durchaus hinterfragen und ggf. selbst mit einem Renditerechner, z.B. bei www.offerio.de, nachprüfen. Verzichtbar sind solche Prüfungen allenfalls bei kleinen Anlagebeträgen und bei Papieren mit geringen Handelsspannen wie etwa Staatsanleihen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(22):15-15