Claudia Mittmeyer
?Welche Rolle spielt der Versandhandel aktuell für den OTC-Markt und die Apotheken?
Der OTC-Markt in den Apotheken weist seit dem Erstattungsausschluss rezeptfreier Arzneimittel im Jahr 2004 eine Abwärtstendenz auf. Dies gilt nicht nur für die Verordnungen sondern auch für die Selbstkäufe rezeptfreier Präparate.
Im Gegensatz dazu hat die Zahl der OTC-Präparate, die in Deutschland über den Versandhandel abgegeben wurden, allein im Jahr 2009 um 38% zugelegt. Im Ergebnis wurde damit im vergangenen Jahr jedes zehnte OTC-Präparat nicht mehr persönlich über den HV-Tisch einer Apotheke gereicht, sondern im Wege des Versandhandels abgegeben. Der OTC-Versand stellt somit inzwischen eine ernsthafte Größe in diesem Markt dar. Selbstverständlich beinhaltet diese Entwicklung aus Sicht der deutschen Apotheken auch das wirtschaftliche Risiko, dass die Verbraucher Bestellungen von OTC-Präparaten zunehmend auch bei Anbietern im Ausland aufgeben.
?Wie ist diese Entwicklung aus Sicht der Arzneimittel-Hersteller, aber auch mit Blick auf die Patienten zu bewerten?
Aus der wirtschaftlichen Perspektive von OTC-Herstellern gilt natürlich zunächst, dass Zuwächse über den Versandhandel gerade in Anbetracht rückläufiger Apothekenumsätze besser sind als gar keine Zuwächse. Dennoch – und an dieser Stelle ist dann die Herstellersicht nicht mehr klar von der Patientensicht zu trennen – gibt diese Entwicklung auch Anlass zur Sorge. Es gibt gute Gründe dafür, dass auch rezeptfreie Arzneimittel in Deutschland apothekenpflichtig sind. Wesentlich ist hierfür u.a. die unmittelbar gegebene Möglichkeit einer professionellen pharmazeutischen Beratung und ggf. auch der Überweisung des Patienten an einen Arzt. Im Fall der Abgabe auf dem Versandweg werden die Produk-te praktisch aus dem persönlichen Einflussbereich der Arzneimittelfachleute in der Apotheke entzogen.
Aber auch unabhängig davon, ob im Einzelfall eine ausführliche Beratung in der Apotheke stattfindet, fördert die Apotheke als Abgabeort die Wahrnehmung der Verbraucher dahingehend, Arzneimittel als eine Ware besonderer Art anzusehen und entsprechend damit umzugehen. Umso mehr der Versandweg Schule macht, desto mehr werden Arzneimittel in die Nähe normaler Konsumgüter gerückt und ggf. auch so verwendet. Es steht demnach zu befürchten, dass OTC-Arzneimittel auf diesem Wege eine Tendenz zur Trivialisierung bzw. Bagatellisierung erfahren, die mit dem besonderen Zweck und der Komplexität dieser Produkte nicht vereinbar ist. Diese Entwicklung kann weder im Interesse der Arzneimittel-Hersteller noch der Apotheker und letztlich auch nicht im Interesse der Verbraucher sein.
?Wie können Apotheker, Arzneimittel-Hersteller und die Verantwortlichen in der Politik dieser Entwicklung begegnen?
Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller hat sich in den vergangenen Jahren intensiv im Verbund mit Apothekern und auch der Ärzteschaft bemüht, den Stellenwert rezeptfreier Arzneimittel im Bewusstsein der Öffentlichkeit adäquat zu vermitteln. Hierzu gehörten öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, mit denen über Bedeutung und Nutzen, aber auch über Grenzen der OTC-Präparate informiert wurde. Auch die intensive Unterstützung des Grünen Rezepts durch den BAH in Kooperation mit der Apothekerschaft trägt diesem Gedanken Rechnung und soll nicht zuletzt einer Entprofessionalisierung und der genannten Bagatellisierung der rezeptfreien Arzneimittel entgegenwirken.
Neben dieser ärztlichen Empfehlung auf Grünem Rezept kommt der apothekerlichen Empfehlung und Beratung in diesem Zusammenhang eine sehr hoher Bedeutung zu. Mit Blick auf die Politik ist vor allem darauf hinzuwirken, dass künftige gesetzgeberische Maßnahmen einer Verwässerung des Verbraucherschutzes in der Arzneimittelversorgung keinen weiteren Vorschub leisten. Das politisch beabsichtigte Verbot der Pick-up-Stellen ist unter diesem Gesichtspunkt ein positives Signal und ein Schritt in die richtige Richtung.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(12):3-3