Prof. Dr. Reinhard Herzog
Die Geschichte des Terminhandels reicht weit zurück: Schon vor Jahrhunderten finan-zierten Landwirte ihr Saatgut durch den Verkauf der künftigen Ernte und Schiffseigner zahlten die Ausstattung ihrer Flotte über den Verkauf der Ladungen, lange bevor diese den Zielhafen erreichte.
In ihrer Grundkonstruktion bringen Termingeschäfte allen Beteiligten Vorteile: Die Anbieter – z. B. die Bauern – erhielten bereits bei Vertragsabschluss einen Teil ihres späteren Erlöses, auch waren Verkauf und Preis gesichert. Ihre Geschäftspartner wiederum konnten auf eine zuverlässige Lieferung vertrauen und mussten sich keine Gedanken mehr um den Preis machen.
Mit der Etablierung des Handels von Aktien und Anleihen wurden die Regeln des Warenterminhandels auch auf die Wertpapiere übertragen – anfangs mit großem Erfolg. Die Probleme begannen jedoch mit der Inflation und der nachfolgenden Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren: Dank des geringen Kapitaleinsatzes gelang es cleveren Spekulanten, quasi über Nacht Millionen zu verdienen – und zu verlieren. Folge dieser Spekulationswelle war ein striktes Verbot des Börsenterminhandels in Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg lange überdauerte.
Über eine Milliarde Kontrakte
Im Jahr 1970 geriet Deutschland jedoch zunehmend in Bedrängnis: Nachdem u. a. London und Chicago bereits große Erfolge im Terminhandel verbuchten und Millionengeschäfte abzuwandern drohten, wurden auch hierzulande die Bestimmungen gelockert und erste Optionskontrakte unter dem Dach der Aktienbörse zugelassen. 1990 startete die neu gegründete Deutsche Terminbörse (DTB) den Handel mit standardisierten Kontrakten, 1998 erfolgte mit der EUREX (European Exchange) die Internationalisierung. Heute werden mehr als eine Milliarde Kontrakte pro Jahr gehandelt, sodass die EUREX der weltweit wichtigste Handelsplatz für Derivate ist.
Die Produktpalette reicht von Optionen und Futures auf einzelne Aktien, Fonds und Indizes bis hin zu Volatilitäts- und sogar Kredit- und Klimaderivaten. Anleger können dabei sowohl auf steigende als auch auf sinkende Kurse setzen oder ihr bestehendes Wertpapierdepot gegen Kursverluste sichern. Gerade das ist vergleichsweise einfach: Über eine Option verkauft der Anleger seine Wertpapiere auf Termin – zu einem heute bereits festgelegten Preis. Von da ab spielt es keine Rolle mehr, wohin sich der Preis entwickelt: Steigt der Wert des Depots, profitiert der Anleger in vollem Umfang von seinem Engagement und lässt die Option verfallen. Geht der Wert des Depots indes zurück, gleichen die Gewinne aus der Option die Verluste des Depots aus.
Nicht jeder darf mitmachen
Im Gegensatz zur „klassischen“ Börse ist die EUREX jedoch kein Marktplatz, an dem jedermann problemlos über seine Bank oder Sparkasse aktiv werden kann. Um die Erfüllungssicherheit der Geschäfte zu gewährleisten, müssen bestimmte Regularien eingehalten werden. So ist zunächst ein spezielles Konto erforderlich, das vom Kreditinstitut stets dahingehend überwacht wird, dass ausreichend Mittel zur Erfüllung eingegangener Verpflichtungen vorhanden sind. Zudem muss der Anleger Regeln und Risiken kennen und dies mit seiner Unterschrift bestätigen. Damit erlangt er die – in regelmäßigem Turnus zu erneuernde – Termingeschäftsfähigkeit. Abgefragt werden hierfür unter anderem auch die finanziellen Verhältnisse, die Erfahrungen im Börsen- und Terminhandel sowie die vorhandene Risikobereitschaft.
Vom Ergebnis dieses Fragebogens hängt es ab, für welche Termingeschäfte der Kunde zugelassen wird. Einsteiger dürfen z. B. nur Optionen kaufen, Fortgeschrittene können auch Optionen verkaufen und Experten werden für den riskanten Futures-Handel zugelassen. Allerdings dienen die Fragebogen vorrangig der Absicherung des Kreditinstituts gegen mögliche Schadensersatzforderungen: Geprüft werden die Angaben selten und wer ankreuzt, über ausreichend Erfahrungen zu verfügen, wird in der Regel auch für die riskantesten Transaktionen zugelassen. Dann kann er sich jedoch nicht auf Unwissenheit berufen, wenn ein Investment hohe Verluste bringt.
Ein Risiko ist immer dabei
Denn einer Tatsache muss sich jeder Anleger bewusst sein: Terminbörsen sind Nullsummenspiele. Was der eine gewinnt, verliert ein anderer. Da kein Anleger immer auf der Gewinnerseite ist, sollten Schieflagen oder sogar Totalverluste einkalkuliert werden und verkraftbar sein, bei manchen Transaktionsarten können sogar erhebliche Nachzahlungen erforderlich werden.
Das Nullsummenspiel kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, dass die an der EUREX gehandelten Produkte als solche eigentlich gar nicht existieren. Während an der Börse gehandelte Aktien in einer Wertpapiersammelbank gelagert und ggf. auch als ausgedruckte Urkunden an den Anleger ausgeliefert werden, kommen Termingeschäfte erst zustande, wenn Käufer und Verkäufer aufeinandertreffen.
Die Rahmenbedingungen dafür werden von der EUREX vorgegeben. Hierzu zählen etwa die Laufzeit des Produkts, der Basispreis und das Volumen, auf das sich das Geschäft bezieht. Wer z. B. eine Kaufoption auf die BASF-Aktie erwerben will, sieht sich im Kursteil seiner Zeitung oder im Internet nach den aktuell gehandelten Laufzeiten und Basispreisen um. Findet er ein passendes Produkt, erteilt er den entsprechenden Kaufauftrag. Nun kann er – wenn ein Verkäufer genau diese Option anbietet – schon nach wenigen Sekunden die Option sein Eigen nennen. Auf ähnliche Weise erfolgt der Verkaufsauftrag, wobei der Fachmann hier von „Glattstellen“ spricht.
Der Vorteil: Während z. B. bei Zertifikaten auch Emittenten an jeder Transaktion verdienen, werden bei der EUREX lediglich vergleichsweise geringe Transaktionsspesen berechnet, alles andere ist Sache zwischen Käufer und Verkäufer des Produkts.
Besonders spekulativ sind Futures-Kontrakte: Der Anleger investiert in einen bestimmten Kontrakt und muss dafür lediglich eine Sicherheitsleistung (= Margin) erbringen. Steigt nun der Kurs, ist er in vollem Umfang an den Gewinnen beteiligt. Gibt die Notierung nach, verliert er in gleichem Umfang. Sein Gewinn bzw. Verlust ist jedoch aufgrund des geringen Kapitaleinsatzes in Form der Sicherheitsleistung deutlich überproportional zu einem Direktgeschäft.
Umgekehrt läuft es ähnlich: Wenn der Anleger fallende Kurse erwartet, kann er den Futures-Kontrakt auch verkaufen, ohne ihn im Depot zu haben. Dabei hofft er, ihn später entsprechend preiswerter an der Börse kaufen zu können und damit dann Gewinn zu machen.
Interessante Koppelungen
Daneben sind mit den meisten Kontrakten interessante Koppelungen möglich. So lassen sich durch den gleichzeitigen Kauf und Verkauf von Optionen mit unterschiedlichen Laufzeiten nahezu zinsähnliche Erträge erzielen. Ebenso kann durch die Wahl des Basispreises das Chance/Risiko-Verhältnis erhöht oder gesenkt werden – ganz nach den Zielvorstellungen des Anlegers.
Dies alles wirkt allerdings nur auf den ersten Blick kompliziert. In den nächsten Ausgaben des AWA stellen wir Ihnen die wichtigsten Varianten des Börsenterminhandels vor, die auch für Privatanleger infrage kommen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(12):14-14