Dr. Christine Ahlheim
- weitere Abnahme der Anzahl der Apotheken,
- zunehmende Filialisierung mit langfristiger Aufgabe des Fremd- und Mehrbesitzverbots.
Mit Blick auf die Versorgungskennzahlen in Europa ist davon auszugehen, dass sich die Anzahl der Apotheken in Deutschland weiter reduzieren wird. Derzeit versorgt im EU-Durchschnitt eine Apotheke etwa 3.300 Einwohner. In Deutschland sind es noch etwa 3.800 Einwohner je Apotheke. Von den Versorgungsquoten der skandinavischen Länder sind wir in Deutschland jedoch noch weit entfernt. In Schweden versorgt eine Apotheke ca. 7.600 Einwohner, in Dänemark etwa 17.700 Einwohner. Der Rückgang in Deutschland wird nicht alle Regionen gleichermaßen betreffen. Es ist davon auszugehen, dass es vermehrt in bevölkerungsarmen Gebieten und damit ländlichen Regionen zu Schließungen kommen wird.
Des Weiteren ist zu erwarten, dass in den nächsten 20 Jahren der Anteil der Apotheken, die als Filialen geführt werden, deutlich zunehmen wird. Ich bin der Überzeugung, dass das Fremd- und Mehrbesitzverbot langfristig fallen wird und sich „Apothekenketten“ bilden werden. Nur bei entsprechender Größe lassen sich Rationalisierungspotenziale heben und viel wichtiger: neue integrative Versorgungskonzepte umsetzen.
AWA: Welche Möglichkeiten sollten die öffentlichen Apotheken nutzen, um ihre Existenz langfristig zu sichern?
Oberender: Es wird nicht das Konzept, nicht die Strategie geben, die langfristig die Existenz sichert. Wettbewerb ist ein evolutorischer Prozess. Das bedeutet, verschiedene Maßnahmen können zum Erfolg führen, müssen es aber nicht. Am Ende werden sich aus einer Vielzahl von Konzepten diejenigen herauskristallisieren, die am wettbewerbsfähigsten sind. Ich denke aber zur Sicherung einer langfristigen Existenz wird es unumgänglich sein, den Kunden bzw. den Patienten der Zukunft in den Mittelpunkt der Strategie zu stellen.
Der demografische Wandel wird vermehrt zu multimorbiden Patienten führen, die teilweise immobil sein werden. Ein mögliches Konzept, mit dem der Versorgungsbedarf dieser Patienten abgedeckt werden kann, wäre die Bildung eines umfassenden Versorgungsnetzwerkes. Ein „Stammhaus“, eine Apotheke, die als Zentrale agiert, fungiert als Case-Manager und übernimmt die Steuerung des Patienten. Durch Filialen (beispielsweise in ländlichen Regionen) oder eine „rollende Apotheke“ wird die Versorgung des immobilen Patienten in der Fläche sichergestellt. Ähnlich dem „Flying-Doctors-Konzept“ in Australien könnte eine „Rolling-Apotheke“ die Versorgung in die Fläche bringen. Dieses Konzept wäre dann um weitere Aspekte der medizinischen Versorgung zu erweitern (Kombination mit Telemedizin, AAL usw.).
Diese Konzeptskizze ist sicher sehr langfristig gedacht und müsste weiter verfeinert werden. Mittelfristig muss es das Ziel der öffentlichen Apotheken sein, ihre Kernkompetenzen zu schärfen und darzustellen. Service-Orientierung und die Spezialisierung auf die Beratung des Kunden Vor-Ort gehören hier als wesentliche Parameter meiner Meinung nach dazu.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2012; 37(15):3-3