Die „Grüne Apotheke“

Mit Ökologie punkten?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Deutschland gilt als eines der bedeutendsten „Ökoländer“ in der Welt. Obwohl noch völlig unausgegoren, wird die „Energiewende“ mehrheitlich gutgeheißen. „Öko“ und „Bio“ sind feste Markenbegriffe. Inwieweit können die Apotheken sich diesen Trend zunutze machen?

Die Umsetzung

Die Entwicklung zur „Umwelt-Apotheke“ oder „Grünen Apotheke“ kann in verschiedenen Vertiefungsgraden erfolgen. Bei der Maximalvariante werden das ge­samte Erscheinungsbild und der Markenauftritt umgestellt – allerdings so, dass man nicht durch eine allzu radikalökologische Ausrichtung zu viele Kunden vergrault. Kommerziell erfolgreiche „Ökokonzepte“ sind gut und sanft zu allen, ecken nicht an. Das Produktdesign aus dem Bio- und Ökobereich ist bereits ein ganz guter Orientierungspunkt, wie so etwas optisch umgesetzt wird. Ein solcher Total­umbau ist jedoch ein teures Großprojekt.

Bei der kleineren Variante arbeiten Sie sich Schritt für Schritt voran. Sehr viel haben Sie ohne große Sachinvestitionen in der Hand. Umso größer sind womöglich die „Investitionen“ in den Köpfen auch Ihrer Mitarbeiter. Es beginnt bereits mit dem eigenen, ganz persönlichen Erscheinungsbild. Hohes Übergewicht, Rauchen, der „protzige“ Luxus-Pkw des Inhabers, das Verströmen einer Einstellung der vergangenen „Wohlstandswunderjahre“ passen nicht zu einer ökologischen Ausrichtung. Stattdessen sind Fitness, eine neue Lebendigkeit und Beweglichkeit, verbunden mit Lebensfreude und positiver Ausstrahlung (statt rechthaberischer, ökokorrekter Zwangsbevormundung) angesagt. Erfolgreiche „Ökokonzepte“ machen Spaß und reißen andere mit! Nur so besteht die Chance, so etwas zu einem kommerziellen Erfolg zu führen.

Nachhaltig ohne Askese heißt das Motto. Durchaus nüchterne, vernünftige Aufwand-Nutzen-Betrachtungen weisen vielfach den nachhaltigen ökologischen Weg als den besseren aus, entlarven aber auch die eine oder andere „Ökospinnerei“ als Irrweg oder bloße Symbolpolitik. Man kann aus der Mücke einen Elefanten machen oder aber die Menschen wirklich auf einen besseren Weg führen. Genau hier liegt die Herausforderung für die Apotheke. Sie sollte kraft ihrer naturwissenschaftlichen Kompetenz die Möglichkeit haben, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ganz wesentlich dabei ist eine erkennbare Vorbildfunktion der Apothekenleitung, der Mitarbeiter und der gesamten Unternehmens­politik. Sonst wird es unglaubwürdig. Manches kann der Kunde bei jedem Besuch direkt erleben, anderes spielt sich dagegen im Hintergrund ab und muss entsprechend kommuniziert werden.

Sichtbare Punkte

Bereits mit überschaubarem Aufwand punkten Sie als ökologisch ausgerichtete Apotheke:

  • Sicher ganz am Anfang stehen der äußere Auftritt und das Ambiente. Selbst ohne großen Umbau können Sie „energiefressende“ Halogenstrahler durch sparsame und hinsichtlich der Lichtqualität sehr ansprechende LED-Leuchtmittel ersetzen. Etwas „Grün“ (selbst wenn sich aus Hygienegründen echte Grünpflanzen oft verbieten), natürliche Materialien und Holzelemente, Steine, Mineralien oder der Einsatz von Wasser (Springbrunnen, Sprudelsäulen) schaffen ohne viel Aufwand eine ganz andere Atmosphäre. Eine Beduftung der Apotheke mit natürlichen, frischen Düften bedeutet einen weiteren „Wohlfühlfaktor“ und transportiert entsprechende Botschaften.
  • An vorderer Stelle steht auch das leidige Thema Tüten und Packmittel. Plastiktüten sollten daher eine Ausnahme sein. Es gibt heute umweltverträgliche Alternativen für fast alle Anwendungszwecke, die nicht auf Erdöl als Ausgangsstoff basieren, auch für größere Einkäufe (siehe Beispiele im Lebensmittelhandel). Wiederverwendbare Stoffbeutel, die zudem das Apothekenlogo tragen, werden ebenfalls immer gerne angenommen.
  • Gehen Sie sparsam mit Werbematerial um und „müllen“ Sie nicht Ihre Handverkaufstische mit allerlei Faltblättern und Broschüren, von der Industrie großzügig gestreut, zu. Die Kunden interessieren sich meist sowieso nicht dafür.
  • Werfen Sie einen kritischen Blick auf Ihre Zugaben und Proben. Hier findet sich viel „Plastikmüll“, der letztlich alsbald von den Kunden weggeworfen wird. Wenn Sie etwas verschenken, sollte das Qualität und Beständigkeit ausstrahlen (schon allein, weil Zugaben auf das Image der Apotheke zurückwirken). Geben Sie dafür lieber weniger ab.
  • Setzen Sie die zahllosen Aufsteller – meist Billigplastik – äußerst zurückhaltend ein. Seit einigen Jahren, im Zuge sinkender Elektronikpreise, blinkt und leuchtet es hier an allen Ecken und Enden. Diese Elektronik braucht in der Herstellung viel Energie und die Entsorgung ist das nächste Thema.
  • Der Lieferdienst sollte sich möglichst umweltbewusst präsentieren. Wer es sich leisten mag, kann sich mit der jetzt aufkommenden Elektromobilität aus­einandersetzen. Ob ein Elektroauto bis zum Ende durchgerechnet wirklich so ökologisch ist, sei dahingestellt. Es wird aber so empfunden. Zudem bewegt es sich leise und abgasfrei, in der Stadt sicher vorteilhaft. Wer wie die typische Apotheke seine kilometermäßig überschaubaren Touren gut planen kann, wird auch mit dem Thema Reichweite und Ladezeit kein Problem haben – über Nacht sind die Akkus wieder voll. Als kleinere Alternative bieten sich Elektrofahrräder (Pedelecs) und Elektroroller an.
  • Bieten Sie eine sichere Arzneimittelentsorgung aktiv an. Dies können Sie weiterhin zum Aufhänger nehmen, um die Hausapotheke und den Verbandskasten auf Aktualität hin zu überprüfen.

Schon anspruchsvoller ist es, die Präparateempfehlungen durch die ökologische Brille zu betrachten. Das fängt bei sinnvollen Packungsgrößen an (Ressourcenschonung!) und zieht sich hin bis zur Bewertung von Inhaltsstoffen in Kosmetika und auch Arzneimitteln. Ob halogenierte Konservierungsmittel oder unter Umweltaspekten bedenkliche Arzneistoffe (zum Beispiel Diclofenac) – hier gibt es reichhaltige Betätigungsfelder.

Unter rein ökologischen Aspekten schneidet die Alternativmedizin, insbesondere die Homöopathie oftmals recht gut ab, mag man ansonsten als Naturwissenschaftler davon halten, was man will. Für viele medizinisch eher unbedeutende Leiden mit allerdings hoher psychologischer Komponente und daher bisweilen großem Leidensdruck bietet sich das als umweltgerechte Alternative häufig geradezu an.

Ökologisch ist es zudem, auf nachhaltige, kausale Ansätze zu setzen und nicht an den Symptomen „herumzudoktern“, sprich, Gesund­heitsprobleme möglichst zu lösen und nicht nur zu lindern, selbst wenn der chronisch kranke Dauerverwender rein ökonomisch rentabler erscheint.

Was bei Lebensmitteln bereits gang und gäbe ist, hat sich bei Arzneimitteln noch kaum durchgesetzt: ein Bewusstsein für eine lokale Produktion, zumindest für eine Produktion im eigenen Lande. Noch differenziert der Kunde kaum, woher seine Arzneimittel stammen und ob die Tabletten bereits einmal um die ganze Welt gingen. Das könnte sich zumindest im Bereich der höherwertigen OTC-Präparate ändern.

Hier kommt mehr und mehr der Kunde als aktiver Part mit seinen Vorstellungen von Ökologie ins Spiel. Eine engagierte Apotheke wird bestrebt sein, das „grüne“ und das soziale Gewissen zu aktivieren. So können Sie dem Kunden die Wahl lassen, seine Prämien für bestimmte Projekte zu spenden. Dabei kann der Kunde selbst entscheiden, ob er seine Taler oder seine Rabattmarken in die „Umwelt-Sparbüchse“ oder in die „Projekt-Dose“ für ein bestimmtes Vorhaben wirft.

Unter rein ökologischen Aspekten ist zudem das Thema Übergewicht in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen. Jedes Kilo Übergewicht bedeutet nicht nur Gesundheitsrisiken, sondern eine Verschwendung kostbarer Energie und natürlicher Res­sourcen. Die „Umwelt-Apotheke“ sollte diesem Thema daher ihre besondere Aufmerksamkeit widmen.

Neugier befriedigen

Ökologie und Umweltthemen beruhen vielfach auf Messwerten, wie z.B. Schadstoffbelastung in Umwelt, Wasser, Lebensmittel- und Bedarfsgegenständen. Der Zustand des eigenen Körpers wird von „Ökointeressierten“ oft ebenfalls besonders sensibel wahrgenommen. Ein Blick auf das Sortiment gut sortierter Elek­tronikhändler (wie z.B. Conrad oder ELV) sorgt für Erstaunen darüber, was man heute alles an „Umweltmessgeräten“ hinsichtlich Licht, Luft, Strahlung, pH-Wert, Feuchte, Schall etc. für recht wenig Geld trotz guter Messgenauigkeit und Validität der Ergebnisse bekommen kann. Es lohnt sich, über die eine oder andere Anschaffung nachzudenken. Die Menschen mögen Apparate und Messungen. Als Beispiel seien die apparativen Hautanalysen genannt, bei denen der fachkundige Blick den Zustand genauso verrät, aber Messwerte und Ausdrucke überzeugen eben mehr!

Es empfiehlt sich weiterhin, für Spezialfragen erprobte und zuverlässige Labore im Hintergrund zu haben. Ihrem guten Ruf entsprechend, sollten Sie selbst für kuriosere Fragestellungen auf Experten zurückgreifen können. Zwar kann das (fast) jeder Kunde heute im Internet heraussuchen. Als spezialisierte Apotheke können Sie aber mit Ihrem Pfunde wuchern, indem Sie eben zuverlässige Anbieter mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis an der Hand haben und keine Scharlatane, die es ja reichlich gibt.

Die Kür

Wer noch weiter gehen möchte, dem sei eine regelrechte Öko- und Energiebilanz für seine Apotheke empfohlen: Verbrauchsdaten von Strom, Wasser, Heizenergie und die jeweiligen Bezugsquellen, Müll- und Papiermengen, gefahrene Kilometer und Benzinverbrauch im Dienst der Apotheke, schlussendlich der CO2-Aufwand der Apotheke für jede einzelne verkaufte Packung (das sind oft etliche Hundert Gramm entsprechend einigen Kilometern Autofahrt!). Daran schließt sich eine Bewertung und Auswahl aller Lieferanten nach ökologischen Gesichtspunkten an, ggf. die Umstellung vornehmlich der Energielieferanten.

Eine solche „Ökoinventur“ fördert in aller Regel manch Einspar- und Optimierungspotenziale zutage und kann sich allein deshalb schon lohnen.

Fazit: Nachhaltig und zugleich hoch rentabel

Eine „Grüne Apotheke“ stellt sich, einer nachhaltigen Umweltphilosophie folgend, als rank und schlank dar – auch hinsichtlich ihrer eigenen Arbeitsweise! Mit Ressourcen sparsam umgehen, Verluste minimieren, Effizienz steigern, Qualität vor Quantität. Gerade hinsichtlich ihrer Beratung und Kundenphilosophie folgt sie bevorzugt langfristigen Ansätzen, stellt die Ursachenbekämpfung vor kurzfristige, rein symptomatische „Scheinlösungen“. Damit hat sie gute Karten, hoch rentabel zu arbeiten – und nachhaltig dazu! Etwas teurer bedeutet am Ende dann auch für die Kunden preiswert.

Übertreiben Sie es aber nicht mit dem „Ökoluxus“. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet vernünftiges Maßhalten und die Vermeidung von Übertreibungen in allen Richtungen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(12):5-5