Versicherungen

Auch kostenlose Sicherheit hat ihren Preis


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Ihre Sicherheit ist den Deutschen viel Geld wert: 2.219 € zahlt – so der europäische Versicherungsverband „Insurance Europe“ – jeder im Durchschnitt p.a. in seine Lebens-, Kranken- und Sachversicherungen ein. Umso interessanter sind daher Policen, die angeblich nichts kosten.

Der Abschluss einer privaten Unfallversicherung ist für die Branche ein gutes Geschäft. Während die Schadensquote in der Wohngebäudeversicherung bei knapp über 80% und in der Kfz-Versicherung sogar bei über 110% liegt, fließen in der Unfallversicherung von jedem Beitragseuro nur rund 53Cent als Leistung wieder zurück an die Kunden. Denn zum einen ist das Risiko, durch einen Unfall einen körperlichen Schaden zu erleiden, weitaus geringer als in der Werbung suggeriert, zum anderen kann sich die Assekuranz oft hinter „den Mauern der Versicherungsbedingungen“ verschanzen und die Leistung auch in Fällen verweigern, die nach menschlichem Ermessen als versichertes Risiko angesehen werden.

Das einzige Problem jedoch: In Deutschland gibt es bereits mehr als 30Mio. Verträge, das Kundenpotenzial ist somit weitgehend erschöpft. Doch jetzt wirbt die Branche für ein neues Produkt, das der Sparsamkeitsmentalität der Bevölkerung entgegenkommt: Die Unfallversicherung mit Prämienrückgewähr (UPR). Auf den ersten Blick erscheinen die Tarife interessant: Der Kunde – so wird versprochen – erhält zum Ende der Laufzeit seine gezahlten Beiträge zurückerstattet, wenn er, wie dies bei den meisten Versicherungsverträgen der Fall ist, keine Leistungen in Anspruch nehmen muss. Ein weiterer Pluspunkt: Die Rückzahlung ist in der Regel völlig steuerfrei.

Inflationsverluste

Doch schon beim Blick auf das Kleingedruckte wird deutlich, dass die Versicherungsgesellschaften nichts zu verschenken haben. Denn zum einen werden nur die Nettoprämien zurückerstattet, also ohne Versicherungssteuer und eventuelle Zuschläge für die monatliche Beitragszahlung. Zum anderen kosten derartige UPR-Policen bis zum Fünffachen der Prämie einer klassischen Unfallversicherung. Nur ein kleiner Teil dieser Prämie wird für die Risikoabsicherung verwendet, der Rest fließt indirekt als Sparanlage in eine niedrig verzinste „Lebensversicherung“.

Auch die Beitragsrückgewähr ist keineswegs so attraktiv, wie die Zahlen in den Prospekten suggerieren. Denn die Versicherung setzt auf die Inflation: Legt man eine durchschnittliche Geldentwertungsrate von nur 2,0% zugrunde, schrumpft die Kaufkraft einer Beitragsrückgewähr in Höhe von 10.000€ während der üblicherweise 20-jährigen Laufzeit bereits auf rund 6.500€. Sollte die Inflationsrate aber wieder auf 3,0% ansteigen, erhält der Anleger letztlich – gemessen an der Kaufkraft – nicht einmal die Hälfte seiner eingezahlten Prämien.

Daher stellt die klassische Unfallversicherung die weitaus bessere Lösung dar, um Risiken abzusichern. Doch auch dabei gibt es Unterschiede: Lineare Tarife sehen einen Versicherungsschutz bis zur Höhe der Versicherungssumme vor. Hat der Kunde also einen Vertrag über 100.000€ abgeschlossen und verliert er bei einem Unfall einen Zeigefinger, werden ihm nach der bei allen Gesellschaften einheitlichen Gliedertaxe 10% der Versicherungssumme bzw. 10.000€ ausgezahlt. Bei Mehrleistungstarifen wird ab einer bestimmten Invaliditätsstufe, z.B. 75%, eine erhöhte Versicherungsleistung gezahlt. Sie sind teurer als die linearen Tarife, decken aber vorrangig besonders schwerwiegende Risiken ab. Am attraktivsten sind hingegen Progressionstarife, bei denen die Leistung je nach Grad der Invalidität ansteigt: Bei 30% werden meist 40% der Versicherungssumme fällig, bei Vollinvalidität zwischen 250% und 500%.

In jedem Fall lohnen sich Beitragsvergleiche: Zwischen teuerster und billigster Gesellschaft liegen – bei annähernd gleicher Leistung – bis zu 300% Differenz. Deutlich sparen können Kunden aber auch mit einem Gruppenvertrag, in dem mehrere Personen abgesichert werden: Bis zu 50% Rabatt gewähren die Gesellschaften auf viele Tarife, sodass sich entsprechende Verhandlungen durchaus rentieren.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(17):16-16