Prof. Dr. Reinhard Herzog
Das Abwägen von Aufwand und dem daraus resultierenden Nutzen zieht sich breit durch die Betriebe und selbst die Gesellschaft. Arzneimittel werden heute daraufhin untersucht – auf den ersten Blick ein guter Ansatz, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn man allerdings schaut, wie Nutzen überhaupt definiert wird, wie dieser von Studie zu Studie schwankt, und selbst die Kosten inklusive aller indirekten und Folgekosten gar nicht so leicht zu beziffern sind, kommen schon wieder erste Zweifel.
Bei Verkehrsprojekten (z.B. eine neue Ampel) wird abgewogen, wie viel Nutzen durch ersparte Unfälle und Personenschäden den Kosten gegenüberstehen. Bei fast jeder zusätzlichen Produktausstattung fragt sich der Hersteller: Was kostet es, was bringt es?
In der Apotheke sind größere Investitionen der Klassiker für eine Kosten-Nutzen-Abwägung, prominente Beispiele sind Modernisierungen und größere Umbauten, ein Kommissionierautomat oder auch der Aufbau eines neuen Geschäftsfeldes wie z.B. die Heimbelieferung.
Hier ist typischerweise die Investitionsrechnung mit ihren einfachen statischen Betrachtungen (im Grunde eine Einnahme-Ausgaben-Rechnung infolge der Investition) oder mit der aufwendigeren dynamischen Rechnung (u.a. unter Einberechnung von interner Verzinsung und Kapitalwertschwund) gefragt. Zielgrößen sind dann vor allem der berühmte ROI (Return On Investment, die prozentuale „Investitionsrendite“) und die „Payback-Time“, also die Zeit, nach der sich eine Investition aus ihren Überschüssen heraus selbst amortisiert.
Aber sogar eine Personaleinstellung kann einer mehr oder weniger rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung unterzogen werden: Was kostet welcher der infrage kommenden Mitarbeiter effektiv je Stunde, und was „kaufe“ ich dafür – von objektiven Kriterien wie Qualifikationen, erwartbaren Leistungen aufgrund bisheriger Erfolge bis hin zu subjektiven Kriterien wie Sympathie und „weichen Faktoren“.
Wie rational ist rational?
Wie schon angedeutet: Manches kann man sehr präzise beziffern, z.B. die Anschaffungskosten eines Geräts und die daraus resultierenden Zinsen und Abschreibungen, oder wie viel Mehrausstoß eine bestimmte Produktionsmaschine bringt. Anderes muss man schätzen: Wie viel Zusatzkunden und Zusatzertrag wird mir ein Umbau bescheren? Wie viel Zeit spart mir ein Kommissionierer an welchen Stellen? Nicht selten wird man hier auf Berater zurückgreifen – und deren Qualität unterliegt nun einmal einer hohen Bandbreite. Hier verschwimmt die Exaktheit zur unbestimmten Prognose.
Bei anderen Dingen agiert man weitgehend im „Nebel“, umso mehr, als es um menschliche Faktoren geht: Bringt der neue Mitarbeiter die erwartete Leistung, kommt er im Team zurecht? Greift die Umstrukturierung und Neuorganisation (auch eine Form der „Investition“) wie gedacht? Führt die neue Computeranlage wirklich zu einem flüssigeren Arbeitsablauf oder kommen die Mitarbeiter damit nicht klar?
Das, was an diesen Stellen zählt, ist die berühmte, schwer quantifizierbare, unternehmerische Erfahrung, das gute „Händchen“, etwas doch noch zum Erfolg zu führen (was andere an die Wand fahren würden).
Das Fazit mag jetzt ein wenig erstaunen: So präzise, wie es scheint, lassen sich Aufwand und Nutzen meist gar nicht quantifizieren – schon allein, weil niemand exakt weiß, wie sich etwas in der Zukunft tatsächlich entwickelt. Trotzdem ist eine nüchterne, kluge Kosten-Nutzen-Abwägung gerade bei größeren Investitionen oder Veränderungen sinnvoll und dringend anzuraten.
Sehen Sie dies aber nicht nur als ein (mit Unsicherheiten behaftetes) Rechenexempel an, sondern begreifen Sie eine solche Analyse vielmehr als eine Art „Brainstorming“. In diesem Brainstorming geht es vorrangig darum, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, die Fragestellung in der nötigen Tiefe mit all ihren Vor- und Nachteilen zu erörtern – und so zu viel kreativeren und besseren Lösungen und Umsetzungsstrategien zu gelangen!
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(19):10-10