Prof. Dr. Reinhard Herzog
Liest man Untersuchungen führender Analysten, findet man oft den Hinweis auf einen „fairen Kurs“. Doch wann ist ein Börsenkurs fair? Als die „Jahrhundert-Hausse“ von 1999 ihren Höhepunkt erreichte und insbesondere Telekommunikationswerte von Rekord zu Rekord kletterten, dienten Wachstumsprognosen über fünf oder gar zehn Jahre als Grundlage der Untersuchungen, Kurs/Gewinn-Verhältnisse (KGV) von mehr als 50 wurden als normal angesehen, ebenso wie Dividendenrenditen von weit weniger als einem Prozent. Während der Baisse im März 2003 fanden jedoch selbst Papiere erstklassiger Unternehmen mit einem KGV unter 5 kaum Käufer. Heute liegt diese Bewertungskennzahl für die meisten deutschen Standardwerte im Bereich zwischen 12 und 16 – was nicht mehr billig ist, aber auch noch nicht als überteuert eingestuft werden muss.
Eigenkapital als Grundlage
Nachdem jedoch gerade die Ertragsbewertung viele Fragen offenlässt, hat eine der ältesten Auswertungsmethoden von Aktien wieder an Bedeutung gewonnen: die Buchwert-Analyse. Grundlage ist das bilanzielle Eigenkapital eines Unternehmens abzüglich aller Verbindlichkeiten. Dieser Buchwert wird durch die Anzahl der ausgegebenen Aktien geteilt, sodass sich als Ergebnis der „Buchwert je Aktie“ ergibt. Derzeit liegt der Buchwert z.B. der Telekom-Aktie bei 5,20€ (Börsenkurs: 12,80€), der der E.ON-Aktie bei 14,70€ (Börsenkurs: 13,10€).
Entscheidend ist, ob dieser Buchwert je Aktie in einem angemessenen Verhältnis zum aktuellen Börsenkurs steht. Hierzu wird der Kurs der Aktie durch den Buchwert dividiert. Bei der Telekom-Aktie ergibt sich ein Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) von 2,46, bei der E.ON-Aktie ein KBV von 0,89. Generell gilt: Aktien eher konservativer Branchen sind bei einem Kurs/Buchwert-Verhältnis von ca. 1 angemessen bewertet. Je günstiger die Zukunftsperspektiven des Unternehmens, umso höher darf das Kurs/Buchwert-Verhältnis sein. Ein hohes KBV wird aber auch Firmen zugebilligt, die mit geringem Eigenkapital hohe Werte schaffen können, z.B. Softwarehäuser.
Zumindest nach dieser Analysemethode sind die Aktien der Finanzbranche derzeit wahre „Schnäppchen“. So wird das Papier der Deutschen Bank mit einem KBV von rund 0,51 bewertet, die Commerzbank sogar nur mit 0,48. Preiswert ist aber auch die Aktie der Münchener Rück mit einem KBV von 0,98. Vergleichsweise teuer sind hingegen die Papiere von Bayer (5,08), SAP (4,08) und Beiersdorf (5,12).
Allerdings hat die Buchwert-Analyse auch Schwächen. Zum einen basiert sie auf den Zahlen aus dem letzten Geschäftsbericht, und diese sind Vergangenheit. Zum anderen berücksichtigt sie lediglich den reinen Bilanzwert, in dem sich weder die stillen Reserven eines Unternehmens noch seine Zukunftsperspektiven wiederfinden. Auch Umstellungen der Bilanzierungsmethode können zu Veränderungen der Kennzahl führen, ohne dass sich am Unternehmensgewinn etwas ändert.
Den Chart beachten
Anleger sollten daher die Buchwert-Kennzahl keineswegs als alleinigen Maßstab ihrer Bewertung heranziehen. Ebenso wichtig sind weitere Daten aus dem Unternehmen wie etwa der Gewinn je Aktie oder die Dividendenrendite. Vor jedem Aktienkauf sollte aber auch ein Blick auf den Chart stehen: Denn im aktuellen Kurs – dies ist eine selbst von Skeptikern anerkannte Börsenregel – spiegelt sich die Vergangenheit ebenso wider wie die Zukunft. Und damit wären wir wieder am Anfang unserer Geschichte: Der wirklich „faire Kurs“ ist der, zu dem das Papier heute in dieser Minute gehandelt wird. Denn in ihm kommen exakt die Erwartungen der beiden „Gegenspieler“ Käufer und Verkäufer zum Ausdruck.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(23):13-13