Prof. Dr. Reinhard Herzog
Wer hätte früher an Vollbeschäftigung gedacht? Heute wird diese angepeilt und dem Nachwuchs der rote Teppich ausgerollt. Der demografische Wandel schlägt zu.
Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. So stehen viele Arbeitsmarktprognosen immer unter dem Vorbehalt, dass über der deutschen Wirtschaft weiterhin die Sonne scheint. Tatsächlich kommen aber auf etliche Paradeindustrien tiefgreifende Umbrüche zu. Branchen mit ausgesprochener Zukunftsorientierung (Mikroelektronik, IT und Internet, Biotechnologie und vieles mehr ...) finden sich vor allem in den USA und verstärkt in Asien.
Zudem passt es kaum zum deutschen Jobwunder, dass sich die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in den letzten Jahrzehnten nur marginal verändert hat. Mit anderen Worten: Teilzeit, Niedriglohn und prekäre Arbeitsverhältnisse bilden einen Gutteil des Fundaments dieses „Erfolgs“. So erhält beispielsweise über die Hälfte der Neueingestellten nur einen befristeten Vertrag. Gut ein Viertel der abhängig Beschäftigten kommt über 10 € Stundenlohn (brutto!) nicht hinaus. Damit liegt bereits das niedrigste Tarifgehalt der Apotheke für PKA (rund 10,45 € Stundenlohn mit Einrechnung des 13. Gehaltes) deutlich oberhalb des untersten allgemeinen Lohnquartils.
Solche Fakten gehören auf den Tisch, bevor man die „Lohnwüste Apotheke“ ausruft. Allerdings gibt es eben auch eine andere Seite der Medaille: Ordentlich bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie, im öffentlichen Dienst oder in sonstigen Unternehmen, die in Konkurrenz zur Apotheke stehen. Hier ist sehr sorgfältig zwischen den einzelnen Qualifikationsstufen zu differenzieren.
Vergessen wir zudem nicht die außerordentlich wichtige regionale Komponente: Während sich in München oder Düsseldorf die Apothekengehälter in der Tat vielfach verstecken müssen, sieht das auf dem platten Land, erst recht in strukturschwachen Gegenden, ganz anders aus. Hier ist die Apotheke durchaus noch ein sehr attraktiver Arbeitgeber.
Ebene Apotheker
Im gesamten Berufsspektrum ist der Pharmazeut am ehesten vergleichbar mit naturwissenschaftlichen Berufen wie Ingenieure, Chemiker, Physiker oder Biologen. Außerhalb der Apotheke erwächst zunehmend Konkurrenz z.B. durch Absolventen der Pharmatechnik, Life Sciences, Biotechnologie oder des Biomedical Engineering.
In der Kette der Heilberufler steht der Apotheker zwischen den Ärzten und den früher nur als „Heilhilfsberufe“ bezeichneten Gruppen wie Physiotherapeuten, Logopäden oder Ergotherapeuten. Diese qualifizieren sich jedoch beständig hoch, so können solche Fachrichtungen seit einiger Zeit auch durch ein (Fach-)Hochschulstudium erschlossen werden.
Innerhalb der Berufsgruppe der Pharmazeuten konkurrieren hinsichtlich der Einkommensperspektiven traditionell die selbstständigen mit den angestellten Apothekern in der Apotheke. Bei den angestellten Apothekern hat sich eine neue obere Mittelschicht in Form der über 4.000 Filialleiter herausgebildet; diese verdienen von wenig über Tarif bis in Ausnahmefällen im sechsstelligen Gehaltsbereich. Die Industrieapotheker folgen zahlenmäßig, dann die Krankenhausapotheker.
Diese eben genannten Berufsfelder decken über 95 % ab. Lehre, Verwaltung, Verlage, Bundeswehr, selbstständige Tätigkeiten als Berater, Coach oder Medizinjournalist sind dagegen eher exotisch. Nur die wenigsten davon zeichnen sich zudem durch erwähnenswert herausragende Einkommen aus.
Bei den Gehältern finden wir also sehr starke Spreizungen quer durch alle Branchen und Berufe, was Vergleiche erschwert.
Schaut man auf die reinen Tarifgehälter, sehen die Pharmazeuten schlecht aus. Am ehesten vergleichbar sind die Vergütungen mit den Angestellten des öffentlichen Dienstes (auch hinsichtlich der Arbeitszeiten, die sich u.a. landesspezifisch zwischen etwa 39 und 42 Stunden bewegen). Doch diese ziehen mit den Berufsjahren und „Entwicklungsstufen“ alsbald davon.
Bei den Beamten trügen die niedrigen Brutto-Grundgehälter. Zum einen kommen ggf. noch Verheirateten- und Kinderzuschläge dazu, die bei einer vierköpfigen Familie an die 400 € monatlich ausmachen können. Zum anderen fallen bis auf die Kranken- und Pflegeversicherung keine Sozialabgaben an. Nach einer Faustregel muss man als Angestellter brutto etwa 20 % mehr verdienen, um auf ein ähnliches Nettogehalt zu kommen.
In der Industrie gibt es eine sehr hohe, nach oben fast offene Gehaltsspreizung mit allerdings ganz anderen Verantwortungsbereichen, was direkte Vergleiche verbietet.
Selbst mit 10 % oder 15 % über Tarif kann die Apotheke realistisch betrachtet nicht mit anderen Tätigkeitsfeldern konkurrieren. Die Argumente pro Apotheke finden sich woanders (siehe unten). Erst mit herausgehobenen Funktionen (Chef-Stellvertretung, Filialleitung) werden öfters, aber keinesfalls durchgängig konkurrenzfähige Vergütungen erzielt.
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Ebene PTA
PTA ist ein typischer „Sandwich-Beruf“: einerseits oberhalb von Hilfs- oder Anlernberufen stehend, andererseits chancenlos, ohne Studium „höhere Weihen“ beispielsweise in Form der Leitung einer Filiale zu erreichen. In diesem Punkt ziehen die PTA sogar gegenüber manchen anderen Ausbildungsberufen den Kürzeren. So kann eine Einzelhandelskauffrau durchaus Filialleiterin werden – was das praktisch, d.h. finanziell und von den Arbeitsbedingungen her, auch immer bedeuten mag. Titel sind nicht alles!
Zunehmend mehr PTA gehen Sonderwege: Industrie (vom klassischen Labor oder der Zulassungsabteilung über den Außendienst bis hin zu Schulungen), Krankenkasse, Krankenhaus, selbstständige Tätigkeiten gerne im Bereich Coaching, Inhouse-Trainings und Beratung, bisweilen auch eine Praxis als Heilpraktiker.
Bereits eine Vergütungsgruppe E6 (von 13 möglichen Gruppen, Voraussetzung abgeschlossene Berufsausbildung) nach dem Tarif der chemischen Industrie beginnt in der Regel höher, als der Apothekentarif endet. E7 und E8 sind erreichbar, ab E10 sind jedoch typischerweise umfangreiche Weiterbildungen nötig (Qualifikation zum „Techniker“). Ab E11 beginnen meist die FH-Absolventen.
Eine schlichte Verkäuferin bzw. Kassiererin im Einzelhandel (unterste Lohngruppe I) erreicht nach sechs Jahren z.B. in NRW ein etwas höheres Tarifgehalt als eine PTA mit den gleichen Berufsjahren – bei nur 37,5 Wochenstunden und vollen sechs Wochen Urlaub. Erst ab dem 15. Berufsjahr kann sich die PTA minimal absetzen.
Evident sind zudem die recht geringen Entwicklungsperspektiven im Vergleich zur Industrie und zu (Groß-)Betrieben des Einzelhandels. Selbst die in der öffentlichen Wahrnehmung unterbezahlten Pflegeberufe bieten mehr tariflichen Spielraum. Ähnlich schlecht kommen dagegen sehr oft die angestellten Physiotherapeuten weg.
Auch wenn man es als selbstständiger Apotheker sicher nicht gerne hört: Bei ehrlicher Betrachtungsweise sind die PTA das wirtschaftliche Gold der Apotheken, das im realistischen Vergleich gut 20 % unter Wert gehandelt wird.
Ebene PKA
Hier ist das Spektrum konkurrierender Berufe und Tätigkeiten, die sämtlich mit einem Haupt- oder Realschulabschluss zugänglich sind, besonders groß. Von Hilfsarbeiten bis zu qualifizierten kaufmännischen oder handwerklichen Berufen reicht das mögliche Alternativangebot. Im engeren Sinne kommen vor allem Tätigkeiten im Einzelhandel, in der Gastronomie sowie in den Verwaltungen der Industrie in Betracht.
Gleichzeitig haben wir in diesem Bereich, der prekären Arbeitsverhältnissen sowie dem Niedriglohnsektor besonders nahesteht, einen nach wie vor beträchtlichenBewerberüberhang um „gute“ Stellen, aber eben auch sehr viele schwach qualifizierte Personen. Das macht Gehaltsvergleiche nach dem Motto „in jener Branche und bei jenen Jobs wird im Vergleich zur Apotheke dies und das bezahlt“ schwierig. Für viele Bewerber kommen nämlich diese attraktiveren Jobs z.B. in einem größeren Industrie- oder Einzelhandelsbetrieb oder bei einer Krankenkasse gar nicht in Betracht. Gelingt dort aber der Einstieg, sind Gehälter auf PTA-Niveau und darüber möglich – siehe z.B. die Einzelhandelstarife.
Alles in allem ist jedoch die Situation bei den nicht-pharmazeutischen Kräften noch am entspanntesten und der beiderseitige Gegenwert im Hinblick auf Qualifikation und Leistung am ehesten gegeben.
Kosten eines höheren Lohnniveaus
Konkurrenzfähig gegenüber dem heutigen durchschnittlichen Lohnniveau erhöhte Löhne (Approbierte + 20 %, PTA + 20 %, PKA und Sonstige in etwa gleich) würden die Personalkostenquote im Schnitt auf etwa 13 % vom Nettoumsatz steigern. Höherwertige Vollsortimenter im Einzelhandel („EDEKA“, Elektronikmärkte) oder Drogeriemärkte kalkulieren übrigens ebenfalls mit 10 % bis 12 % Personalkosten, nur Discounter liegen mit 5 % bis 7 % deutlich darunter.
Absolut wären das für die Durchschnittsapotheke rund 40.000 € bis 50.000 €, die zusätzlich aufgewendet werden müssten und den Gewinn entsprechend reduzieren würden – nämlich um größenordnungsmäßig 25 % bis 30 %. Alternativ wäre rund 1,00 € bis 1,20 € zusätzliches Fixhonorar je Rx-Packung vonnöten, um die Vergütungsrückstände im Durchschnitt aufzuholen. Der jeweilige Einzelfall sieht in der bunten Apothekenlandschaft freilich oft ganz anders aus.
Mit „weichen Faktoren“ punkten
Da dies im Moment nicht realistisch erscheint, müssen „weiche“ Faktoren herhalten, die für die Apotheke sprechen: Arbeitsplatz vor Ort, flexible Arbeitszeiten, kein Qualifikations-, Globalisierungs- und Fremdsprachenwahn (wie in der Großindustrie, die oft nur die Besten will...), sowie die Übersichtlichkeit und Menschlichkeit eines Familienbetriebs.
Genau diese „Wohlfühlfaktoren“, die menschliche Komponente, die Verwurzelung vor Ort, der Wert des Begriffes Heimat, „leben und leben lassen“ sind die Dinge, mit denen die Apotheke vor anonymen, oft recht kalten Großbetrieben punkten kann.
Letztere bieten in der Tat eine bessere Bezahlung und weitaus mehr Karrieremöglichkeiten – und fordern ihren Preis dafür. Nicht jeder ist jedoch karriereorientiert, global unterwegs, stets flexibel und nur auf Job und Geld fixiert ...
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(07):4-4