Prof. Dr. Reinhard Herzog
Ob Privatanleger, Investmentfonds oder institutioneller Investor – in der Baisse sind sie alle gleich. Wenn bei einem Kurssturz an den Weltbörsen ein Aktienengagement beibehalten wird, müssen auch bei einer ausgeklügelten Depotstrategie Verluste in Kauf genommen werden. Denn die Erfahrung zeigt: Wirklich entziehen können sich nur einige wenige Papiere einer allgemeinen Börsenschwäche, hingegen werden selbst erstklassige Titel im „Verluststrudel“ mitgerissen.
Nicht anders ist die Lage bei Anleihen. Wenn die Rentenmärkte infolge steigender Kapitalmarktzinsen einbrechen, haben die Besitzer festverzinslicher Wertpapiere – zumindest zunächst – schlechte Karten: Ihr Depotbestand verliert an Wert. Und dies gilt nicht nur für die Papiere aus der zweiten und dritten (Bonitäts)reihe, sondern für alle Stücke gleichermaßen. Lediglich Kurzläufer, also Anleihen mit wenigen Monaten Restlaufzeit, können sich aufgrund der verbindlich festgeschriebenen Rückzahlung zu 100 % einem solchen Kursverfall entziehen. Vergleichbare Szenarien gelten auch für die meisten anderen Bereiche der Geldanlage – angefangen von Aktienanleihen über Optionsscheine bis hin zu Gold und Kunstgegenständen, die zu Anlagezwecken erworben wurden. Selbst Immobilien bleiben davon nicht verschont.
Um jedoch die Risiken nicht überhand nehmen zu lassen, arbeiten erfahrene Anleger zunehmend mit einer Klassifizierung ihrer Vermögenswerte. Dabei werden im ersten Schritt alle Produkte einzeln einer Chance/Risiko-Kategorie zugeordnet, im zweiten Schritt erfolgt eine Prüfung eventueller Korrelationen zwischen den einzelnen Kategorien und im dritten Schritt wird das Gesamtrisiko ermittelt und auf die persönlichen Anlageziele abgestimmt. Bewährt hat sich dabei die von vielen Sparkassen und Banken genutzte Einteilung der Geldanlagemöglichkeiten in fünf Kategorien – wobei auch eine Gliederung in acht oder gar zehn Gruppen möglich ist.
„Fünf-Klassen-Gesellschaft“
- Kategorie 1: nahezu risikofreie Anlagen wie etwa Tages- und Festgelder, Geldmarktkonten, Spar(kassen)briefe sowie Euro-Rentenwerte erstklassiger Emittenten mit kurzen Restlaufzeiten.
- Kategorie 2: risikoarme Anlagen wie etwa Rentenfonds, offene Immobilienfonds und Rentenwerte erstklassiger Emittenten mit mittleren Restlaufzeiten.
- Kategorie 3: mäßig risikoreiche Anlagen wie etwa Anleihen erst- und zweitklassiger Emittenten mit längeren Restlaufzeiten, Fremdwährungspapiere, deutsche Standardaktien, breit angelegte Aktienfonds, Genussscheine und Indexzertifikate.
- Kategorie 4: risikoreichere Anlagen wie etwa Anleihen zweit- und drittklassiger Emittenten, deutsche Nebenwerte sowie ausländische Standardwerte und spezialisierte Aktienfonds.
- Kategorie 5: spekulative Anlagen wie etwa Optionen, Optionsscheine, Futures-Kontrakte, Aktien kleinerer ausländischer Unternehmen, Turbo- und Knock-out-Zertifikate.
Innerhalb jeder Kategorie sind weitere Unterteilungen möglich und meist auch sinnvoll. Legt man das Chance/Risiko-Verhältnis zugrunde, sind in der Kategorie 2 etwa deutsche Staatsanleihen – die gleiche Restlaufzeit vorausgesetzt – in gewissem Maße risikoärmer als beispielsweise Inhaberschuldverschreibungen einer Bank. Nebenwerte der deutschen Börse aus der Kategorie 4 lassen sich in weitgehend unproblematische Titel, in mäßig risikobehaftete und eher spekulative Werte unterteilen.
Und dabei wird auch gleich die Grenze dieser Auswertungsmethode deutlich: Jede Einteilung unterliegt subjektiven Einflüssen und kann zudem nur eine Momentbetrachtung darstellen. Unerwartete Ereignisse können dazu führen, dass die bisherigen Einstufungen komplett revidiert werden müssen. Bestes Beispiel war die Zahlungsunfähigkeit von Staaten wie etwa Argentinien oder auch Griechenland: Vor der Einstellung aller Zahlungen ins Ausland galten Staatsanleihen zumindest aus Bonitätssicht als weitgehend risikoarme Geldanlage. Wenn jedoch ein bedeutendes Land seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommt, könnten sich dies – so die Befürchtung etlicher Anleger – weitere Länder als „Vorbild“ nehmen. In der Folge haben nahezu alle Staatsanleihen an Risikotendenz zugelegt.
Die Sicherheit kann trügerisch sein
Dies zeigt: Auch bei einer Einteilung in Kategorien darf sich der Anleger nicht in dauerhafter Sicherheit wiegen, entsprechende Auswertungen von Banken, Sparkassen und in den Medien sind gefährlich trügerisch. Andererseits lassen sich mit der Aufteilung die Risiken der eigenen Geldanlage zumindest in gewissen Grenzen abwägen – wobei dem zweiten Schritt dieser Methode entscheidende Bedeutung zukommt. Denn nach der Zuordnung der einzelnen Anlagebausteine zu einer Kategorie wird die Korrelation untereinander überprüft. So stehen etwa Rentenwerte in einer sehr engen Korrelation zueinander, aber auch zu Aktien. Wird hier übermäßig viel investiert, erhöht sich das Gesamtrisiko des Depots, selbst wenn die einzelnen Produkte als vergleichsweise risikoarm einzustufen sind. Auch ein Depot, das zu 90 % aus deutschen Standardwerten (Kategorie 3) besteht, weist ein wesentlich größeres Risiko auf als ein Depot, in dem sich neben deutschen Standardwerten auch andere Produkte aus der Kategorie 3 finden.
In manchen Fällen muss dabei sogar produktübergreifend gedacht werden: Wenn die Zinsen steigen, fallen zunächst die Rentenwerte, während die Aktien meist noch anziehen. Im weiteren Verlauf eines Zinsanstiegs geraten aber erfahrungsgemäß auch Aktien unter Druck. Im Ergebnis tendieren dann also auch Aktien zur Kategorie 4. Um die Risiken überschaubar zu halten, sollten daher Aktien in der zweiten Hälfte einer Zinssteigerungsphase in sicherere Produkte getauscht werden.
Im dritten Schritt wird nun die Geldanlage mit dem persönlichen Chance/Risiko-Profil abgestimmt. Ziel ist es, eine möglichst ausgewogene Gesamtstruktur des Vermögens zu finden. In der grafischen Darstellung der Geldanlage in den fünf Kategorien sollte sich eine gleichmäßig ansteigende Kurve ergeben, die im Bereich der Kategorie 3 ihren Höhepunkt findet und dann wieder gleichermaßen abfällt. Risikofreudigere Investoren werden dabei eine Verschiebung in Richtung Kategorie 4 wählen, sicherheitsorientierte Anleger den Kurvenhöhepunkt im Bereich der Kategorie 2 ansetzen.
Höhere Klassen erfordern mehr Aufwand
Nach dieser Einteilung sollte man jedoch keineswegs darauf vertrauen, nunmehr vor allen Risiken geschützt zu sein. Je spekulativer eine Geldanlage konzipiert ist, umso größer sind die Risiken. Entsprechend intensiver muss die Verwaltung erfolgen: Einen Sparbrief muss man allenfalls einmal jährlich ansehen, einen Optionsschein indes möglichst täglich.
Je risikoreicher im Übrigen ein Produkt, umso wichtiger ist das Nutzen von Sicherheitsinstrumenten. Legt ein Anleger z.B. ein Stop-Loss-Limit – bei dessen Erreichen die Papiere konsequent verkauft werden – rund 15 % unter den Einstands- bzw. aktuellen Kurs, beschränkt sich sein maximales Risiko auf eben diese 15 %. Wer hier konsequent vorgeht, vermag letztlich auch spekulative Anlagen aus der Kategorie 5 so weit „entschärfen“, dass sie einer niedrigeren Kategorie zugeordnet werden können. Ein weiterer Vorteil: Zumindest langfristig erhöht sich die Gesamtrendite des Depots, die entscheidend vom eingegangenen Risiko abhängig ist.
In jedem Fall sollten Anleger bei der Limitarbeit die Börsenregel beachten: „Verluste begrenzen, aber Gewinne laufen lassen.“ Schwierig ist dies keineswegs. So setzt man sich ein Verkaufslimit von z.B. 15 %, das jedoch mit jedem Kursanstieg nach oben „mitgezogen“ wird. Kauft man beispielsweise eine Aktie zum Kurs von 10 €, liegt das anfängliche (Sicherheits)limit bei 8,50 €. Steigt nun der Kurs auf 14 €, wird das Limit auf 11,90 € mitgezogen, wobei das maximale Risiko weiterhin bei den genannten 15 % liegt. Fällt der Kurs nun auf 13 € zurück, bleibt das Limit bei 11,90 € festgeschrieben. Im Ergebnis partizipiert der Anleger also in vollem Umfang von Kurssteigerungen, ohne sein prozentuales Gesamtrisiko zu erhöhen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(07):14-14