Geldanlage

Mit Psychologie zum Börsenerfolg


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Steigen die Kurse an der Börse moderat, sind die meisten Anleger skeptisch: Der Trend werde bald drehen. Explodieren die Notierungen, wird dagegen jeder freie Euro investiert. Das Anlageverhalten privater, aber auch mancher professioneller Investoren wirft Fragen auf.

Was haben Medien wie die BILDZeitung mit der Börse zu tun? Auf den ersten Blick wenig, sieht man einmal ab von der Börsennotierung der Axel Springer AG. Erfahrene Anleger haben jedoch im auflagenstarken Boulevardblatt längst einen ihrer wichtigsten Indikatoren für die Kursentwicklung ausgemacht. „Wenn BILD ins Schwärmen gerät“, so die Meinung, „ist höchste Zeit zum Ausstieg.“ Solange sich das Blatt aber zum Thema Aktien ausschweigt, bestehe kein Grund zur Beunruhigung.

Zumindest vorerst müssen sich Anleger daher keine Sorgen machen. Auch wenn die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren überaus gut gelaufen sind, finden sich kaum entsprechende Meldungen in Deutschlands Massenmedium Nummer eins. Zu Zeiten der Technologie-Hausse war das noch anders: „Geld-Rausch“ war da auf der Titelseite zu lesen und die Redakteure präsentierten Konzepte zum „schnellen Reichtum“. Viele Kleinsparer investierten, die Börse wurde zum Tagesgespräch in U-Bahnen und an Stammtischen. Nur wenige Wochen sollte es jedoch dauern, bis der dramatischste Rückgang der deutschen Börsengeschichte begann. Von diesem Schock haben sich viele Anleger bis heute nicht erholt.

Ähnlich war es zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007. Auch seinerzeit schwärmten Medien wie die BILD-Zeitung von neuen Anlageprodukten, mit denen man z.B. in amerikanische Hypothekendarlehen investieren konnte. Auch manche Schiffs- oder Containerbeteiligung wurde hochgejubelt. Das Ergebnis ist bekannt: hohe Kursrückschläge und mancher Totalverlust.

Die eigene Meinung bilden

Ein Problem wird damit offenkundig: Deutsche Anleger lassen sich viel zu leicht beeinflussen. Statt ihr Depot mit einer soliden Mischung aus Rentenwerten, Aktien, Fonds und Immobilienprodukten auszustatten, neigen sie dazu, alles auf eine Karte zu setzen. Was noch schlimmer ist: Die Umschichtungen erfolgen faststets zum falschen Zeitpunkt. So wurde in den 1980er-Jahren und Anfang der 1990er-Jahre kräftig in Fremdwährungsprodukte investiert – kurz bevor der US-Dollar und die meisten anderen Auslandsdevisen erhebliche Kursverluste verzeichneten. Dann kam ein Boom bei den Rentenwerten – dem 1999 aufgrund steigender Kapitalmarktzinsen deutliche Verluste folgten. 1999 und 2000 wurde das Geld in Aktien sowie Aktienfonds umgeschichtet und damit manches Vermögen verbrannt. Aktuell wird bereits über ähnliche Tendenzen am Immobilienmarkt diskutiert.

Mit der Problematik des falschen Zeitpunkts stehen private Anleger nicht allein da. Ganz im Gegenteil: Auch die professionellen Vermögensverwalter unterliegen dem „Herdentrieb“. Denn bis zum Jahr 1999 hatten deutsche Versicherungsgesellschaften die Gelder ihrer Lebensversicherungskunden kaum am Aktienmarkt investiert. Aber dann ließen sie sich mitreißen und kauften kräftig ein. Das Debakel begann, die Policenerträge mussten deutlich zurückgestutzt werden. Doch statt 2003 zumindest investiert zu bleiben oder neu einzusteigen, fuhren die meisten Versicherer die Aktienquote gerade zu diesem Zeitpunkt auf null zurück – und verpassten daher den nachfolgenden Aufschwung. Das Spielchen wiederholte sich nahezu deckungsgleich in den Jahren 2007 bis 2009.

Diese Beispiele zeigen, dass deutsche Anleger zwar „mündig“ geworden sind, was die Auswahl unterschiedlicher Anlageformen betrifft. Sie setzen nicht mehr allein auf klassische Sparprodukte, sondern reichern ihr Depot auch mit chancenreichen Papieren an. Aktien sind kein „Privileg der Reichen“ mehr, sie stehen für jedermann offen. Die Schwierigkeit liegt jedoch im „Herdentrieb“, dem sich gerade Kleinsparer gerne unterwerfen: Sie investieren erst dann in ein Produkt, wenn es bereits seit Längerem gut läuft. Und sie achten dabei nicht auf die Risikostruktur ihres Depots. Im Ergebnis sind die Renditen in guten Zeiten allenfalls mittelmäßig, in schlechten Zeiten werden Milliardenvermögen verloren.

Risiken richtig einschätzen

Ein weiteres Problem liegt in der Risikoeinschätzung verschiedener Anlageformen. Nicht einmal die Hälfte der 30- bis 50-Jährigen – so schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung – kann die Sicherheit verschiedener Anlageformen richtig beurteilen. Dabei haben auch private Anleger ohne übermäßiges Fachwissen durchaus die Möglichkeit, an den Wertpapiermärkten gutes Geld zu verdienen. Schlüssel dazu ist zum einen der gesunde Menschenverstand, zum anderen die Diversifizierung. So hat die Börse seit über 100 Jahren unter Beweis gestellt, dass sich Zyklen aus Hausse und Baisse stets mehr oder minder regelmäßig wiederholen. Immer dann, wenn niemand mehr daran glaubt, steigen die Kurse. Wenn alles in Euphorie ausbricht und der „BILD-Indikator“ seinen Höhepunkt erreicht, bestehen jedoch erhebliche Risiken. Wer hier rechtzeitig aussteigt, kann sich vor Verlusten schützen – selbst wenn er damit das letzte Quäntchen Kursplus verpasst.

Vergleichbares gilt bei allen anderen Bereichen der Geldanlage. Wer sich der Tatsache bewusst ist, dass die durchschnittliche Umlaufrendite in den vergangenen 50 Jahren mehr als 5,0% betragen hat, wird bei einem Marktzins von 1,0% kaum in langfristige Rentenwerte investieren. Und wer den Kursverfall des US-Dollars der letzten Jahre in den Langzeit-Vergleich stellt, erkennt schnell, dass er besseren Zeiten entgegengehen dürfte.

Aber auch bei Einzelentscheidungen ist der gesunde Menschenverstand gefragt. In der Hausse 1999/2000 kauften viele Anleger Aktien von Unternehmen, deren Tätigkeitsfeld sie nicht beurteilen konnten oder gar nicht kannten. Als dann von einer Krise in der Halbleiterindustrie zu lesen war, fühlten sie sich zunächst nicht betroffen. Erst als sie erfuhren, dass ihr „heißgeliebtes“ Unternehmen, in das sie Zehntausende Euro investiert hatten, allein solche Halbleiterprodukte herstellt, kam das böse Erwachen. Doch dann waren die Kurse meist bereits kräftig gefallen, denn die Profis waren längst ausgestiegen. Wer indes auf Unternehmen setzte, die er aus dem täglichen Leben kannte und deren Produkte er schätzte, erlitt wesentlich geringere Verluste. Mehr noch: Während mancher zweifelhafte Technologiewert aus der einstigen Hausse heute vom Kurszettel verschwunden ist, notieren „Traditionswerte“ vielfach deutlich über den Rekordständen früherer Hausseperioden.

Mindestens ebenso wichtig ist die Frage nach der Diversifizierung. Anleger mit überschaubarem Vermögen sollten nicht von heute auf morgen ihr gesamtes Kapital auf hochspekulative Aktien setzen. Genauso wenig sollten Sparer, die für ihr Alter vorsorgen wollen, allein Anleihen kaufen. Wirklich erfolgreich sind nur Investoren, die ihr Vermögen angemessen streuen. Sinnvoll ist dabei eine Basis aus liquiden Mitteln, die über kurzzeitige Finanzengpässe hinweghelfen. Darauf aufbauend stellen Investmentfonds, Rentenwerte und Aktien eine solide Anlage dar, wobei der Aktienanteil umso größer sein kann, je längerfristig die Anlage konzipiert ist. Auch bei der Einzelproduktauswahl sollten Anleger sich bemühen, ihr Vermögen zu streuen, also z.B. neben deutschen Aktien internationale Werte wählen und dabei auf eine gute Mischung verschiedener Branchen achten. Gerade hier können Investmentfonds und die spesengünstigen Exchange Traded Funds (ETFs) gute Dienste leisten, öffnen sie doch den Zugang zu „schwierigen“ Märkten wie China oder Japan.

Ein weiterer großer Fehler sind unüberlegte Umschichtungen. Viele Anleger verkaufen eine Aktie bereits dann, wenn sie damit wenige Prozente plus erzielt haben – stets in der Sorge, der Kurs werde nachgeben. Gerät jedoch ein Papier in die roten Zahlen, wird das Engagement langfristig beibehalten, unabhängig davon, wie groß die Verluste sind. Die „Behavioral-Finance“-Experten sehen sogar die Tendenz, dass Anleger zwar einen Börsenverlust von mehreren Tausend Euro mit Schulterzucken hinnehmen, gleichzeitig aber stundenlang bei Lebensmitteldiscountern nach Schnäppchen suchen, die ein paar Cent billiger sind.

Richtig ist jedoch genau das entgegengesetzte Verhalten: Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen. Solange ein Papier steigt, wird es gehalten. Gibt es eines Tages nach, wird es generell dann verkauft, wenn eine bestimmte Verlustgrenze – z.B. 10% unter dem Höchstkurs – erreicht wird. Damit wird zwar vielleicht der optimale Ausstiegszeitpunkt verpasst, jedoch bemisst sich das Risiko lediglich auf maximal 10%.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(10):14-14