Karin Wahl
Apothekerkinder wachsen häufig bereits als Säuglinge in der Apotheke auf. Oft wohnt man aus praktischen Gründen über der Apotheke. So muss man bei Nacht- und Notdienst – besonders im ländlichen Bereich – nachts nicht das Haus verlassen und kann über eine Treppe trockenen Fußes in die Apotheke gelangen.
Da bei vielen Apotheker-Ehepaaren beide Ehepartner in der Apotheke tätig sind, dreht sich in der Familie immer alles um die Apotheke. Man hängt die Probleme nicht mit dem weißen Kittel abends in den Schrank, sondern nimmt sie mit nach Hause. Dort werden sie vor und mit den Kindern weiter diskutiert. Muss man sich da wundern, wenn der Nachwuchs entweder gar nicht Apotheker werden oder lieber als Apotheker in die Industrie oder ins Krankenhaus gehen will anstatt 60 und mehr Wochenstunden hinter dem HV-Tisch zu stehen?
Solange die Eltern noch gerne und aktiv selbst in der Apotheke stehen, ist alles kein Problem. Im Gegenteil – man fördert eine Promotion oder Auslandsaufenthalte und ist stolz, dem Sprössling eine so fundierte Ausbildung ermöglichen zu können. Was dabei oft nicht bedacht wird, ist, dass damit junge Menschen mitbekommen, welche tollen Möglichkeiten und Karrieren es „da draußen“ gibt. Viele bleiben daher im Ausland hängen, gründen eine Familie und machen Karriere in fernen Ländern. Andere promovieren und bleiben an der Universität, manche gehen danach in die Industrie oder an eine Klinik – stets mit dem Gedanken im Hinterkopf, in die elterliche Apotheke ja immer noch zurückkehren zu können.
Erfahrung sammeln, Fähigkeiten erwerben
Dabei ist es aus Sicht von Profis durchaus begrüßenswert, wenn der pharmazeutische Nachwuchs als regulärer Mitarbeiter eines Betriebs und nicht als „privilegierter Junior“ zu Hause seine ersten Sporen als Berufstätiger erwirbt. Denn sowohl in der Industrie als auch im Krankenhaus werden Fähigkeiten erworben, die man als Leiter einer Apotheke sehr gut gebrauchen kann. In der Wirtschaft werden Anforderungen an die Mitarbeiter gestellt wie
- unternehmerisches Denken,
- Teamarbeit,
- Führungsfähigkeiten,
- ökonomische Kenntnisse inklusive EDV-Kenntnisse,
- Wille zur Leistung und zum Erfolg,
- seine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen,
- Übernahme von Verantwortung,
- kommunikative Fähigkeiten,
- Resilienz,
- lebenslanges Lernen,
- Weltoffenheit,
- Sprachkenntnisse,
- Flexibilität und
- Arbeiten ohne ständigen Blick auf die Uhr.
All diese Skills nützen einem späteren Apotheker in der eigenen Apotheke durchaus, sofern er sich nach Jahren in der Industrie oder in der Klinik dann nicht wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln in einem engen Käfig fühlt!
Generalisten gesucht
Abgesehen davon, dass in der Wirtschaft ganz andere Dimensionen und Strukturen vorherrschen als in einer Apotheke mit zwei Millionen Euro Umsatz und sieben Mitarbeitern, werden in der Industrie gerne Spezialisten herangezogen und gefördert, während in der Apotheke der Generalist gebraucht wird. Immer wieder erlebt man bei Apotheken-Übernahmen durch Kollegen, die langjährig in anderen Bereichen gearbeitet haben, dass sie fantastische Gesprächspartner bei der Projektentwicklung und bei Marketingstrategien sind, aber leider im täglichen Apothekerleben in der Offizin kläglich versagen. Ihre Kenntnisse im Bereich Handverkauf und Spezialitätenkunde sind oft so schlecht, dass ihnen jede PTA-Praktikantin zunächst überlegen ist. Wer jahrelang Chefärzten in Kliniken die Vorzüge und die Studien von Biosimilars erläutert hat, tut sich schwer, einem Patienten das wirksamste Mittel gegen Fußpilz zu verkaufen. Ihm fehlen die Argumente und die Kenntnisse.
Im Prinzip ist es für einen intelligenten, promovierten Apotheker nicht schwer, hier seine Hausaufgaben zu machen, wenn er dafür die nötige Zeit hat. In der Regel bekommt er aber diese Zeit nicht, da er als Inhaber, Chef, Führungskraft, Kaufmann und verantwortlicher Organisator ganz andere Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen hat. Somit tun sich „Quereinsteiger“, die in ihrer früheren Tätigkeit oft etwas herablassend auf die „popeligen“ Offizinapotheker geschaut haben, schwer, wenn sie in deren Schuhen stehen wollen. Wohl dem, der dann die nötige Zeit der Qualifizierung für die Offizin durch Eltern bekommt, die in der Apotheke noch die Stellung halten.
Der Job eines Offizinapothekers ist, wenn man ihn gut machen will, eine ebenso große Herausforderung wie die Arbeit in der Industrie oder im Krankenhaus – nur mit ganz anderen Schwerpunkten. Somit ist jedem Kollegen, der nach Jahren in der Industrie oder im Krankenhaus in die öffentliche Apotheke als Inhaber gehen möchte, anzuraten, in mindestens drei bis fünf Apotheken unterschiedlicher Größe und Struktur eine gewisse Zeit als Angestellter zu arbeiten. So bekommt man ein Gefühl für die Anforderungen an eine gut geführte Apotheke.
Interessanterweise ist dann häufig nach wenigen Jahren in der eigenen Apotheke festzustellen, dass es den Kollegen langweilig wird und sie gerne in die Rolle eines Apotheken-Managers schlüpfen, der drei Filialen sein Eigen nennt. Sie versuchen, die Fähigkeiten und Kontakte aus ihrem „alten Leben“ auf das Management der Apotheke mit Filialen und Online-Shop zu übertragen. Manchen gelingt dies, andere scheitern dabei jedoch, weil sie sich selbst über- und die Anforderungen an eine gute Apothekenführung unterschätzt haben.
Wenn die Eltern nicht loslassen können ...
Bis hierher wurden die Probleme geschildert, die nach längeren „Ausflügen“ in andere Bereiche entstehen können, die aber bei guter Planung und mit guten Beratern – besonders am Anfang – beherrschbar sind. Nun kommen wir zu der sehr viel schwierigeren Situation der Übernahme der Apotheke, in der die Apothekereltern aber weiterhin mitarbeiten wollen.
Es ist für jeden Unternehmer schwer, sein Lebenswerk in die Hände eines anderen Menschen zu geben. Bei einer Übergabe an einen fremden Dritten bleibt es schon kaum aus, dass es zu Frustration sowohl auf Seiten des Abgebenden als auch auf Seiten des Übernehmenden kommt. Der eine will bewahren, der andere will verändern und seinem neu erworbenen Eigentum seinen Stempel aufdrücken! Das sind immer schwierige Wochen für die Chefs und das Team, bis die Übergabe vollständig erfolgt ist. In viel zu wenigen Übernahmefällen können sich der alte und der neue Chef noch unbefangen treffen oder auch einmal eine Urlaubsvertretung machen.
Besonders wenn der abgebende Apotheker noch im Haus der Apotheke wohnen bleibt, kann es zu unangenehmen Erlebnissen kommen, vor allem, wenn auch noch die Kunden eingebunden werden. Deshalb wird es sich vielfach anbieten, dass der abgebende Apotheker sich ein neues Domizil sucht. Genau das aber wird in der Mehrzahl der Fälle bei einer Übergabe innerhalb der Familie schwierig sein – was dann zu Problemen führt. Zwei Beispiele aus der Beratungspraxis sollen dies verdeutlichen.
Fall 1: Ein Apotheker-Ehepaar, er 75 Jahre, sie 70 Jahre, will endlich die Apotheke an den Sohn übergeben. Durch Promotion, Auslandsaufenthalte und fünf Jahre Tätigkeit in der Forschung in der Industrie ist der 40-jährige Sohn nicht gerade begeistert, als die Eltern ihm die Pistole auf die Brust setzen und ihn auffordern, die Familientradition fortzusetzen und die Markt-Apotheke in der fünften Generation zu übernehmen. Die Apotheke und die elterliche Wohnung sind in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus untergebracht. Für den Sohn gibt es eine Wohnung im zweiten Stock unter dem Dach.
Die Eltern drängen den Sohn, ihnen etwas für die ihm gewährte qualifizierte Ausbildung zurückzugeben. Er ist in einer Zwickmühle. Einerseits will er seine Eltern nicht enttäuschen, andererseits hat er aber keine Lust, sich in die ländliche Markt-Apotheke hinter den HV-Tisch zu stellen. Er gibt dennoch nach und fristet 5 Jahre lang ein unbefriedigtes Landapotheker-Leben. Die Eltern können nicht loslassen und sind noch täglich mit in der Apotheke. Sie lassen kaum Änderungen ihres Lebenswerkes zu. Der „Junior“ zieht sich ins Labor zurück und experimentiert. In der Apotheke wird er weder von den langjährigen Mitarbeitern noch von den Kunden als Chef akzeptiert.
Als der Vater mit 80 Jahren an einem Herzinfarkt verstirbt, ergreift der „Junior“ – wissend, dass er in dieser Apotheke nie einen Fuß auf den Boden bekommen wird – die Chance und verkauft die Apotheke samt Haus. Er gründet mit einem Geschäftspartner ein kleines Entwicklungslabor und blüht wieder auf.
Fall 2: Eine Apothekerin war über fast zehn Jahre Platzhalterin für ihren Sohn, der sich fürs Studium Zeit ließ und dann ebenfalls zuerst ein paar Jahre in der Industrie arbeiten wollte. Er besuchte immer wieder die lebhafte Stadtapotheke mit sehr langen Öffnungszeiten. Diese „brummte“ an dem 1A-Standort von allein. Die Mutter wollte nötige Änderungen nicht anstoßen, sondern nur bewahren, damit das später ihr Sohn in Eigenregie übernehmen kann. Das führte dazu, dass keine Personal- und keine notwendigen Sortimentsveränderungen vorgenommen wurden. Die Apotheke verlor an Image und auch etwas an Umsatz.
Endlich entschloss sich der Sohn zur Übernahme. Doch jetzt passierte, womit niemand gerechnet hatte. Die Mutter konnte nicht loslassen. Sie kam täglich in die Apotheke, setzte sich wie immer ins Chefbüro, um ihre Zeitung zu lesen und führte Telefonate. Sie wies nach wie vor das Personal an und widersprach Entscheidungen des Sohnes und machte ihn damit lächerlich. Der große Knall blieb nicht aus.
Bevor es zum Äußersten kam, beschloss man, einen Berater als Mediator einzubinden. Da beide dem Berater vertrauten, konnte ein Geschäftsmodell entworfen werden, in dem der Sohn gegenüber allen – Kunden wie Mitarbeitern – als neuer Chef etabliert wurde. Die Mutter verzichtete ab sofort auf den direkten Durchgriff aufs Personal und redete auch nicht mehr mit Kunden über ihren Sohn. Sie erklärte sich bereit, an zwei Nachmittagen und zwei langen Samstagen als Approbierte mitzuarbeiten. In dieser Zeit blieb der Sohn dann dem Handverkauf fern und erstellte mit dem Berater Marketingkonzepte und Strategien, um die Apotheke wieder auf Vordermann zu bringen.
Ein QMS wurde ohne Probleme eingeführt, da der Sohn das als Standard aus seinem alten Betrieb kannte. Das auf Naht genähte Personal wurde um Praktikanten erweitert, was die Arbeitsatmosphäre in der stressigen Innenstadt-Apotheke bald verbesserte. Eine neue Schaufenstergestaltung zeigte den Kunden, dass sich etwas verändert hat, es wurden Aktionen angeboten, die in einer Apotheke in dieser Lage gut angenommen wurden. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn entspannte sich spürbar. Die Aushilfstätigkeit reduzierte sich auf Krankheits- und Urlaubsvertretungen.
Da ihm der Berater verpflichtende Präsenz stundenweise in der Offizin auferlegte, damit die Kunden ihn auch wahrnehmen konnten, musste der junge Mann sein Beratungswissen im HV aktualisieren. Das erfahrene Team unterstützte ihn dabei diskret, weil alle froh waren, dass wieder ein gutes Betriebsklima herrschte.
Was lernen wir aus diesen Beispielen? Eine Apothekenübergabe innerhalb der Familie ist eine große Herausforderung, die dann gut gelingt, wenn sie entsprechend vorbereitet wird und man zulässt, dass sich Dinge ändern (siehe auch unten stehende Regeln). Wenn beide Seiten mit Rücksicht und Respekt vorgehen, kann eine Familientradition erfolgreich fortgeführt werden.
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Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(03):14-14