Der Arzneimittelmarkt im 1. Quartal 2016

Der Dämpfer nach dem Höhenflug


Prof. Dr. Uwe May

Nach den Rekorden in 2015, die nicht zuletzt auf einer außergewöhnlichen Erkältungswelle beruhten, konnte es für den Apothekenmarkt eigentlich nur zurück zur Normalität gehen. Das Wachstum des Versandhandels muss aus Apothekensicht jedoch nachdenklich stimmen.

Die Umsatzdaten (Quelle: IMS Health) beziehen sich auf Endverbraucherpreise und beruhen wie die Mengenangaben auf Apothekenabverkäufen. Der „Gesundheitsmarkt“ (die Summe aller nachfolgend erwähnten Marktsegmente) entwickelte sich von Januar bis einschließlich März 2016 insgesamt rückläufig. Die Umsätze lagen mit –1,0 % ebenso wie die Absatzmenge mit –1,9 % unter Vorjahresniveau.

Rx-Arzneimittel erzielten 9,943 Mrd. € Umsatz (–1,3 %) bei 182,7 Mio. Packungen (–2,4 %), beides rückläufig. Kleine (N1) und mittlere (N2) Packungsgrößen nehmen ab, die Ärzte verordnen weiter verstärkt Großpackungen (N3).

Verordnete rezeptfreie Arzneimittel büßten 2,6 % Umsatz auf 393 Mio. € ein, die Absatzmenge stieg jedoch um 4,6 % auf nunmehr 38,4 Mio. Packungen.

Im klassischen OTC-Geschäft, das im besonderen Maße von der Erkältungswelle im Vorjahr profitiert hatte, war mengenmäßig eine Senkung um 4,3 % auf 178,0 Mio. Packungen festzustellen. Das ging mit einem Umsatzrückgang um 1,4 % auf 1.513 Mio. € einher.

Im OTC-Versandhandel hielt die Wachstumsdynamik an. Sowohl die Zahl der OTC-Packungen (+9,9 %) als auch der Umsatz (+11,7 %) legten stark zu. Bereits in den vorherigen Quartalen waren Veränderungsraten im oberen einstelligen bis unteren zweistelligen Bereich zu verzeichnen.

Während im letzten Jahr der OTC-Versandhandel und das Apothekengeschäft annähernd parallel, wenn auch etwas schneller im Versand, gewachsen sind, entwickeln sich die Tendenzen aktuell zurück zu den Werten der ferneren Vergangenheit: Hohes Wachstum im Versand und ein Minus vor Ort. Indes: Immer noch fast 90 % des Marktes sind in der Hand der Offizinapotheken. Zudem betreffen die Zuwächse des Versandhandels primär nicht den innersten Kernbereich der Offizinen (klassische OTC-Arzneimittel). Vielmehr profitiert das Versandgeschäft besonders von Zuwächsen bei Kosmetik- und Körperpflegeprodukten, Artikeln des medizinischen Sachbedarfs (Tests, Messinstrumente usw.) sowie Ernährungsprodukten.

Allerdings sollte dies aus Apothekensicht nicht vorschnell als Entwarnung bewertet werden. So gefährden verschiedene Faktoren, die den Versand in jüngerer Zeit begünstigen, potentiell auch das klassische OTC-Apothekengeschäft: Die Verbraucher gewöhnen sich zunehmend an den bequemen Bestellweg per Internet oder Telefon. Die Geschwindigkeit der Belieferung verbessert sich stetig. Ein Lieferservice noch am Bestelltag wird zumindest in Ballungsräumen immer realistischer. Zudem sehen sich die Apotheken verstärkt qualitativ verbesserten „Online-Beratungsangeboten“ gegenüber.

Die Vor-Ort-Apotheken haben hier nur ein wirksames Instrument entgegenzusetzen: Ein persönliches Gesprächs-, Beratungs- und Betreuungsangebot, das von den Verbrauchern, wie aktuelle Umfragen immer wieder belegen, auch im Online-Zeitalter – und vielleicht gerade dort – über die Maßen geschätzt wird. Hier liegt die strategische Chance, die es zu nutzen und konzeptionell weiterzuentwickeln gilt.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(12):7-7