Prof. Dr. Reinhard Herzog
Am Anfang steht stets die Analyse der Ausgangssituation. Deshalb empfiehlt sich eine Aufstellung aller Verbindlichkeiten, betrieblich wie privat, Kontokorrentkredite genauso wie die Finanzierung des Warenlagers über den Großhandel, neben den „normalen“ Bankkrediten. Tragen Sie die wesentlichen Daten zusammen (siehe Tabelle). Schon allein diese Übersicht dürfte Ihnen die Augen öffnen, wie es um Ihr „Kreditportfolio“ bestellt ist.
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Vertragsanalyse
Vorab sei gesagt, dass die Detailregelungen und Rechtslagen bei Kreditverträgen kompliziert und alles andere als laienverständlich sein können. Gerade bei höheren Summen, mehreren parallel laufenden Krediten und fünfstelligen Zinszahlungen im Jahr empfiehlt sich die Inanspruchnahme eines kompetenten Finanzberaters oder auch eines Fachanwaltes für Kapitalrecht. Sie sollten dennoch selbst eine erste Orientierung gewinnen, sichten Sie also erst einmal selbst Ihre Unterlagen:
Kreditart (Tilgungsdarlehen, klassisches Ratendarlehen mit festen Raten, endfällig mit Rückzahlung „in einem Stück“, Sonderformen; am teuersten: endfällig, da die Zinsen auf den Gesamtbetrag über die ganze Laufzeit entrichtet werden müssen).
Laufzeiten und Zinsbindungsfristen?
Zinsgestaltung: Wie setzt sich der Zins zusammen? Üblicherweise ergibt sich die „Zinsmarge“ der Bank aus der Differenz von einem Referenzzinssatz (der sollte, muss aber nicht nahe des eigenen Refinanzierungszinssatzes liegen) und dem eigentlichen Kundenzinssatz. Dieser „Äquivalenzabstand“ hat bei einer Anschlussfinanzierung nach Ablauf der Zinsbindung ggf. eine rechtliche Bedeutung, die Bank kann nicht machen, was sie will!
Sind Sondertilgungen möglich (Bedingungen, Kosten)?
Sonderkündigung möglich?
Wie steht es um die Höhe einer Vorfälligkeitsentschädigung? Diese entfällt nach der Zinsbindungsfrist, normalerweise aber spätestens nach 10 Jahren; ggf. Anwalt fragen!
Was passiert nach Ablauf der Zinsbindung? Die Optionen: Anschlussfinanzierung zu neuen Konditionen beim gleichen Institut, ein Neukredit bei einer anderen Bank (cave: Freigabe der Sicherheiten der Altbank; neue Bonitätsprüfung), oder auch die Ablösung der Restschuld.
Kann der Kredit von der Bank „weiterverkauft“ werden, z. B. an einen „Finanzhai“ (siehe Finanzkrise)?
Sie sehen – eine komplexe Materie. Schnell verliert man da die Übersicht oder lässt sich zu Abschlüssen hinreißen, die man in ihrer Tragweite und Ausgestaltung nicht übersieht. Gemein daran: Selbst relativ überschaubare monatliche Differenzen summieren sich über 5, 10, 15 oder mehr Jahre zu teils erschreckenden Beträgen! Das relativiert ggf. die Kosten für eine fundierte Fachberatung. Faustregel: Wer fünfstellige Zinsen pro Jahr „an der Backe“ hat und auf einem älteren Kreditportfolio sitzt, mehrheitlich abgeschlossen vor der Niedrigzinsphase, dürfte Handlungsbedarf haben, spätestens wenn alsbald Anschlussfinanzierungen anstehen.
Analyse der Sicherheiten
Im Zuge gestiegener Werte vieler „Assets“ (v. a. Immobilien, aber auch andere Vermögenswerte) ist Ihre Finanzbasis möglicherweise ebenfalls erheblich gewachsen. Das ermöglicht neue Verhandlungsspielräume und eine Neueinstufung Ihrer Bonität. Das hat u. a. Einfluss auf Ihre Verhandlungsposition bei einer Anschlussfinanzierung.
Beispiel: Wer in Frankfurt vor gut 10 Jahren sein „Häuschen“, gut in Schuss und in ordentlicher Lage, für z. B. 500.000 € erworben hat, dürfte keine schlechten Chancen haben, dass es heute im Bereich von 800.000 € bis gar gegen 1 Mio. € gehandelt wird. Ein Verkauf käme nur ernsthaft in Betracht, wenn man dort völlig unzufrieden ist oder ein Ortswechsel nötig wäre. Ansonsten müsste man vor Ort selbst tief in die Tasche greifen, um etwas Adäquates zu finden. Alternative: In Miete gehen und das Kapital anderweitig rentabel nutzen, woraus man womöglich locker die Miete und mehr bestreiten könnte. Ein nicht häufiger, gleichwohl erwähnenswerter Gedanke ...
Ähnliche Betrachtungen lassen sich für Wertpapierdepots anstellen. Vielleicht hat zudem auch der Marktwert Ihrer Apotheke(n) einschließlich ggf. erhöhter Sach- und Buchwerte (Investitionen, Warenlager!) mehr oder weniger stark zugenommen. Steter Ausbau und gute Führung an zukunftsträchtigen Standorten machen das wahrscheinlich. „Wer schon hat, dem wird gegeben“ – auf einer solchen Basis steigen Ihre Möglichkeiten infolge hoher Kreditspielräume ungemein.
Die umgekehrte Situation gibt es natürlich auch. Werte haben sich verflüchtigt. Im schlimmsten Fall übersteigen die Schulden das Vermögen. Hier steht womöglich das böse Wort der Sanierung im Raum. Das ist jedoch nicht die Art der Verhandlung, die man sich wünscht. Hier steht die Existenz an sich zur Disposition, und nicht das souveräne Ausnutzen der Marktgegebenheiten zur Verbesserung der eigenen Situation.
Zahlenbeispiel
Über welche Summen wir reden, mag das folgende, vereinfachte und plakative Beispiel illustrieren. Apothekerin P steht mit insgesamt 1 Mio. € „in der Kreide“. 250.000 € Restschuld entfallen auf das Privathaus (Altkredit, Zinssatz darauf 4,5 %), 675.000 € stehen noch für die Apotheken an langfristigen Schulden in den Büchern (ebenfalls schon länger laufend, Zinssatz hier 4 %), jeweils Tilgungsdarlehen. Mit im Schnitt 75.000 €, mal mehr, mal weniger, laviert sie zudem im Kontokorrent zu 10 % p.a.
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Es winkt also theoretisch eine erheblich fünfstellige Zinsersparnis von etwa 23.250 € pro Jahr, falls die Verbindlichkeiten auf aktuelle Marktbedingungen heruntergebrochen und der Kontokorrent umgeschuldet würden (Bonität vorausgesetzt). Die Ersparnis reduziert sich zwar in den Folgejahren (Grund: Tilgungsfortschritt). Mit Auslaufen der Zinsbindungsfristen würde dann sowieso neu verhandelt.
Umschulden?
Wer auf solchen Altkrediten zu 4 %, 5 % oder noch höherem Zinssatz sitzt, bei noch beträchtlichem Restschuldenstand und fortbestehenden Zinsbindungen, wünscht sich sehnlichst eine Umschuldung. Banken sitzen dagegen wie die Hennen auf diesen „goldenen Eiern“, bekommen sie heute doch nicht annähernd so viel für einen neuen Kredit. Das sind für sie extrem wertvolle „Assets“, welche die Durchschnittsrendite noch heben (Ähnliches gilt übrigens für Lebensversicherungen und Versorgungswerke. Solche Altanlagen, z. B. Anleihen aus früheren Jahren, bewahren diese vor dem Renditekollaps). Indes: Mit Anhalten der Niedrigzinsphase laufen mehr und mehr Zinsbindungsfristen aus und die Kreditbedingungen sind insoweit frei zur Neuverhandlung.
Allerdings gibt es einen anderen Aspekt: Wie lange hält die Niedrigzinsphase noch an? Laufen mir die Chancen davon, wenn ich die Bindefristen abwarte? Im Moment sieht es noch nicht nach einer durchgreifenden Zinswende hierzulande aus, doch das kann schnell drehen. In den USA stehen schon weitere Zinserhöhungen an. Und wenn die Zinsen erst mal ins Laufen kommen, kann sich der Anstieg schnell selbst beschleunigen. Beobachten Sie also die Zinsentwicklung auf den Finanzportalen!
Sind Sie noch länger gebunden, dürfte der Ausbruch aus dieser Falle jedoch nicht ganz leicht werden: Pacta sunt servanda! Manch Kreditvertrag würde möglicherweise einer heutigen rechtlichen Überprüfung nicht standhalten, sodass man sich hinauswinden kann – ein Fall für Finanz- und Rechtsexperten! Bedenken Sie jedoch zweierlei:
Zum einen, wie groß die Ersparnis nach Abzug der Beratergebühren und Ihres persönlichen Zeit- und Kostenaufwandes tatsächlich wäre, zum anderen, wie Sie danach bei Ihrer Bank aussehen. Möglicherweise brauchen Sie diese noch, wenn Sie nicht gerade so vermögend sind, dass Sie Schulden nur aus steuerlich-strategischen Gründen machen, diese aber jederzeit ablösen könnten. Zudem hat die Bank einen Hebel in Form der verpfändeten Sicherheiten in der Hand, denn diese müssen für einen neuen Kredit erst einmal freigegeben werden.
Aufwand abwägen
So lohnt der Aufwand bei nur noch wenige Jahre laufenden Kredittranchen mit geringen Restschuldenständen regelhaft nicht. Betriebliche Zinsen kosten außerdem unter dem Strich „netto“ meist nur rund die Hälfte. Bei der anderen Hälfte freut sich ggf. das Finanzamt über Ihren vermeintlich erfolgreichen Streit mit der Bank. Auch solche Gesichtspunkte gilt es zu bedenken.
Ansonsten bleibt nur der klug und sachlich beschrittene Verhandlungsweg. Möglicherweise steht ein größeres Projekt an (z. B. die Finanzierung einer „sicheren“, höherpreisigen Immobilie, Expansionsbestrebungen durch Übernahme einer großen, „bombensicheren“ Apotheke u. a.). Mit solchen Trümpfen im Ärmel, bei erstklassiger Bonität, lassen sich durchaus „Paketlösungen“ erreichen, in welche die Altschulden recht günstig eingehen könnten. Ein indirekter Weg, der allerdings den nötigen, zumindest kurzfristigen Liquiditätsspielraum voraussetzt, kann über Sondertilgungen laufen. Nutzen Sie diese weitestgehend aus. Hierfür nehmen Sie dann an anderer Stelle (und bei einer anderen Bank) einen zinsgünstigen Kredit oder auch eine Hypothek auf Grundbesitz auf. Doch sollten Sie schauen, mit welchen Kosten diese Sondertilgungen ggf. verbunden sind.
Teure, kurzfristige Finanzierungen umschichten!
Was Sie aber in jedem Fall in Angriff nehmen sollten, ist Ihre Umschuldung kurzfristiger, meist teurer Verbindlichkeiten in günstige, langfristige Kredite. Die Klassiker hier: Kontokorrent und Warenlager. Hinter der Warenlagerfinanzierung über den Großhandel (soweit dieser das noch macht ...) stehen zwar auf den ersten Blick oft gar nicht so hohe Zinsen. Schlechtere Rabatt- und sonstige Konditionen sind dann der versteckte Zins, und der ist durchaus beachtlich, bisweilen erschreckend. Die Fallstricke lauern in dem allseits bekannten Konditionendschungel im Detail, nur die wenigsten blicken da durch. Zudem sind Sie gebunden und Ihr Verhandlungsspielraum ist viel schlechter.
Ein gelegentlich für einige Tage genutzter Kontokorrentspielraum ist nicht schlimm, selbst wenn 8 % oder gar über 10 % Zinsen p. a. dafür fällig werden (für 6 % geht es auch, neben etlichen Banken ist es übrigens das Finanzamt, welches „nur“ 6 % Verzugszinsen berechnet ...). Für solche kurzfristigen Engpässe ist ein Kontokorrent ja gedacht.
100.000 € kosten, bei 10 % Zins p. a., „nur“ knapp 28 € pro Tag. Ein Hepatitis C-Hochpreiser (Preis rund 22.000 €) würde rund 6 € für jeden Tag einer Zwischenfinanzierung mittels o. a. Kontokorrent erfordern. Nach Steuern ist es in der Regel kaum mehr als die Hälfte. Zwei, drei Tage selbst beträchtliches Minus auf dem Konto sind also verschmerzbar.
Wer jedoch nie richtig aus den roten Zahlen kommt, und das mit hohen Beträgen, hat ein Problem mit seiner Kreditstruktur – das kleine Einmaleins des Finanzwissens. Dies gilt es auf dauerhafte, stabile Beine zu stellen! Wenn Sie jetzt nicht den Absprung aus der Kontokorrent- und Warenlagerfalle finden, wann dann?
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(12):4-4