Der aktuelle Investitionsfall

Apparative Identitätsprüfung mit NIR


Prof. Dr. Reinhard Herzog

In unregelmäßigen Abständen werden wir einen Investitionsfall vorstellen: Lohnt es, Geld für ein Vorhaben oder Gerät in die Hand zu nehmen, und unter welchen Randbedingungen? Heute: Die Anschaffung eines der neueren Nahinfrarotgeräte zur schnellen Identitätsprüfung.

Zur Beurteilung der Sinnhaftigkeit einer Investition sind zuerst die Randbedingungen abzuklären. Hierzu müssen Sie oftmals auf Annahmen für die Zukunft sowie Schätzungen z. B. von Einsparungen zurückgreifen. Daher liefern viele Investitionsrechnungen in unseren praktischen Fällen nur überschlägige Werte. Entscheidend ist, die Größenordnung (eindeutiges Plus oder Minus) zutreffend zu ermitteln.

NIR-Gerät: Die Annahmen

Kaufpreis: 12.000 € netto, Alternative: Miete für monatlich 250 €. Im Kaufpreis sei die Nutzung der entscheidenden Substanzdatenbank enthalten; dies ist ggf. zu prüfen, eventuelle laufende Nutzungsgebühren sind dann auf die jeweiligen Jahreskosten aufzuschlagen.

Angenommene praktische Nutzungsdauer (nicht steuerliche AfA): 10 Jahre, Restwert dann Null. Kapitalverzinsung konstant 3 % auf den Gesamtbetrag.

Daraus ergeben sich die Kapitalkosten zu 1.560 € pro Jahr: 12.000 €/10 Jahre + 3 % auf den Anschaffungswert. Dieser Wert markiert auch die Grenze für einen jährlichen Mietpreis für das reine Gerät (Software-, Datenbankgebühren ggf. zusätzlich). Eine Miete von 250 € monatlich – 3.000 € p.a. – macht allenfalls Sinn, wenn Sie mit nur fünf Jahren Nutzungsdauer rechnen.

Die Kostenentlastung

Hier muss mit den erwähnten Annahmen gearbeitet werden. Der wichtigste Punkt: Die zeitliche Entlastung. Sie reicht von minimal im Vergleich zu organoleptischen Prüfungen, Schmelzpunkt etc. bis zu einer halben Stunde und mehr (aufwendige nasschemische Prüfung, Anfertigung eines DC u. a.). Es zählt nur die Differenz zur Bedienzeit des NIR-Gerätes. Wir nehmen zwei Szenarien an: im Schnitt 5 und 15 Minuten Zeitersparnis, was u. a. an der Art der individuell verarbeiteten Stoffe liegt („komplizierte“ Wirk-/Hilfsstoffe) und daher von Apotheke zu Apotheke differiert. Als Stundenkosten für die typischerweise prüfenden PTA seien eher großzügig 24 € angesetzt (0,40 € je Minute, entspricht ca. 2.600 € Bruttogehalt).

Es findet weiterhin eine Entlastung bei Verbrauchsmaterialien, Chemikalien, deren „Vorhaltekosten“ sowie Reinigungsaufwand und Energieverbrauch statt, was ehrlich gerechnet bei einigen hundert Euro im Jahr liegt, pro Prüfung also durchaus im Bereich von etwa 1€ (unsere Annahme), teils auch mehr. Damit ergeben sich zwei Einsparvarianten je einzelne Prüfung:

1) 5 Min. x 0,40 € + 1 € Materialeinsparung = 3 €.

2) 15 Min. x 0,40 € + 1 € Materialeinsparung = 7 €.

Zur Ermittlung der erforderlichen Mindestzahl der jährlichen Prüfungen für eine Geräteamortisation über die zehn Jahre müssen die 1.560 € Kapitalkosten (+ ggf. laufende Zusatzkosten p. a.) durch die o. a. Ersparnis je Prüfung dividiert werden.

Ergebnis

Es resultieren im Minimum 520 (bei nur 3 € Ersparnis) bzw. 223 Prüfungen (bei 7 €) pro Jahr. Um wirklich ins Plus zu kommen, sind deutlich höhere Zahlen nötig. Zu bedenken ist, dass im Schnitt systembedingt über alles nur etwa 80 % bis 90 % der Proben per NIR geprüft werden können. Mehrere hundert Prüfungen pro Jahr dürften viele Apotheken jedoch nicht erreichen.

Wer für 3.000 € im Jahr mietet, benötigt noch höhere Mindestzahlen zur Erreichung des „Break-even“, nämlich 1.000 resp. 430 Prüfvorgänge. Bei reiner Miete gehört ihm zudem am Ende nichts. Das Modell kommt nur in Betracht, falls man sich vor einem fünfstelligen Investitionsbetrag fürchtet. Dennoch: Hier wäre so ziemlich jede Bankfinanzierung günstiger!

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(17):16-16