Prof. Dr. Reinhard Herzog
Neben diversen Branchenanalysen stellt die jährlich aktualisierte Richtsatzsammlung des Bundesfinanzministeriums (www.bundesfinanzministerium.de, Suche nach Richtsatzsammlung 2015) eine interessante Quelle dar, wie es um die Ertrags- und Gewinnsituation in anderen Branchen bestellt ist. Grundlage sind dabei die aus zahlreichen Betriebsprüfungen ermittelten Ergebnisse bei Einzelunternehmen. Sie gelten jedoch nicht für Großbetriebe wie z.B. Lebensmittel- und Drogeriemarktketten; diese erwirtschaften typischerweise Margen, die am unteren Rand der angegebenen Wertebereiche liegen – oder sogar noch darunter.
Klein- und Kleinstbetriebe mit niedrig sechsstelligen Jahresumsätzen erwirtschaften die höchsten Spannen und höchsten Gewinnsätze (bzw. sie müssen das schlicht, um auf überlebensnotwendige Einkünfte zu kommen, nicht selten allerdings auf Kosten der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, Stichwort „Tante-Emma-Läden“). Mit zunehmenden Umsätzen sinken die Margen im harten Konkurrenzumfeld oft sogar. Da der Aufwand mit den dann notwendigen Betriebsgrößen (u.a. Personal, Raumkosten!) steigt, fallen die prozentualen Gewinnrenditen in der Regel ab, um absolut in Euro und Cent allerdings doch höher auszufallen. In unseren Vergleichsdarstellungen sind nur die den Apotheken eher vergleichbaren, höheren Umsatzklassen verzeichnet. Bei Bäckereien wären das z.B. mindestens 500.000 € Jahresumsatz, bei Schmuckläden 300.000 €. Eine durchschnittliche Filiale der bekannten Modeschmuckkette Bijou Brigitte macht übrigens etwa diese 300.000 € bei einem Wareneinsatz von gerade mal 21 %.
Wertevergleich
Betrachten wir einige Vergleichswerte. Dargestellt sind in der ersten Abbildung die erzielbaren Netto-Handelsspannen (= Rohgewinnsätze) mit Angabe des „Mittelsatzes“ sowie der oberen und unteren Begrenzung des Richtsatzbereiches. Ragen die Spannen aus diesem Bereich heraus, erregt das die Aufmerksamkeit der Finanzverwaltung, wenngleich es im Einzelfall plausible Gründe dafür geben kann (Apotheken: sehr hoher Hochpreiser-Anteil, Spezialversorger, daher teils Spannen unter 20 %). In der zweiten Abbildung finden sich die „Reingewinne“. Das sind Vorsteuer-Gewinne, die im Wesentlichen resultieren, wenn man vom Rohgewinn alle steuerlich geltend zu machenden Betriebskosten einschließlich der Abschreibungen abzieht; die Feinheiten der Ermittlung werden in der Original-Richtsatzsammlung erläutert. Es fällt nun auf, dass sich die Apotheken insbesondere bei den „Spannen“ ziemlich am unteren Ende der Einzelhandelslandschaft wiederfinden. Andere Einzelhändler haben doppelt, teilweise dreimal so hohe Margen. Bei den Gewinnen sieht es für uns etwas besser aus, dennoch bewegen sich die Apotheken im klar unterdurchschnittlichen Renditebereich – prozentual betrachtet. Und hier muss man erläuternd ansetzen.
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Entscheidend sind, man kann es nicht oft genug betonen, die absoluten Beträge, welche unter dem Strich und weitergehend je Kunde erlöst werden. Und da schneiden insbesondere die „klassischen“ Apotheken recht gut ab: 35 € bis 40 € Umsatz je Kundenbesuch, entsprechend um oder sogar deutlich über 9 € Rohertrag sind im Branchenvergleich ein sehr ordentlicher Wert. Selbst größere Lebensmittel-Vollsortimenter („Center“ mit einem erheblichen Non-Food-Anteil auf der Großfläche) erzielen, jeweils netto, „nur“ Bonumsätze um die 25 €, Drogeriemärkte um 10 € bis 12 €, Lebensmittel-Discounter um 15 €.
Hingegen ist die „Selbstausbeutung“ in kleinen Handels- und Dienstleistungsbetrieben an der Tagesordnung, dort oft noch mehr als in der Apotheke. Wie soll es auch anders gehen?
Nehmen wir z.B. einen Blumenladen: 55 % Handelsspanne klingen im Vergleich zu 25 % in der Apotheke sehr verlockend. Angenommen, hier werden jeden Tag 50 Blumensträuße bzw. -töpfe für jeweils 15 € netto verkauft, an 280 Tagen im Jahr. Das wäre gar nicht mal so schlecht und würde einem Jahresumsatz von 210.000 € entsprechen, bzw. 115.500 € Rohgewinn. Und nun ziehen Sie mal Raumkosten und unverzichtbare Betriebssachkosten ab. Da bleibt nicht mehr allzu viel, wovon Sie noch Personal bezahlen können. Schon eine Halbtagskraft und ein, zwei 450-€-Aushilfen drücken den Gewinn in sehr überschaubare Regionen. Die Gleichung „selbstständig = arbeitet ständig selbst“ geht hier perfekt auf, und das bei einer wie gesagt schon ganz passablen Umsatzklasse.
Ähnliche Betrachtungen gelten übrigens für Reformhäuser oder Kosmetikstudios, an denen sich ja Apotheken bisweilen versuchen. Selbst eine Pizzeria muss trotz lediglich 20 % bis 30 % Materialeinsatz schon in die Gegend von 300.000 € bis 400.000 € Jahresumsatz kommen (über 1.000 € netto Tag für Tag!), damit Einkommen erwirtschaftet werden, welche Sie neugierig machen würden. Das funktioniert typischerweise nur im Familienverbund mit wenig Fremdpersonal. Den „Unter-dem-Tisch-Faktor“ lassen wir mal außen vor …
Apotheken sollten also gewarnt sein, in scheinbar lukrative Einzelhandelsbranchen zu investieren. Trotz hoher Margen zählen am Ende absolute Beträge, und dafür benötigt man entsprechende Kundenzahlen und nachhaltige Auslastung, um einen solchen Betrieb mit Fremdpersonal rentabel führen zu können. Ansonsten funktioniert es eben nur als „Selbstausbeuter“. Da haben Sie mit der Apotheke schon genug zu tun.
Blick über den Zaun
Betrachten wir einige Nachbarbranchen. Die als potenzielle Konkurrenten gefürchteten Drogeriemärkte stechen als Erstes ins Auge.
- dm (2015): 7,03 Mrd. € Umsatz in 1.786 Filialen allein in Deutschland, damit 3,9 Mio. € Umsatz je Filiale, EBITDA-Marge geschätzt um 5 % und damit in absoluten Beträgen auf ähnlichem Niveau wie eine durchschnittliche 2-Mio.-€-Apotheke, prozentual gut die Hälfte. Zieht man jedoch komplett mit Fremdpersonal betriebene Apotheken-Filialen als Vergleich heran (so wie die Drogeriemärkte ja ebenfalls durch Filialleitungen geführt werden), nähern sich die Gewinnmargen ziemlich an.
- Rossmann (2015): In Deutschland 5,79 Mrd. € Umsatz in 1.991 Filialen, 2,9 Mio. € je Filiale, erbracht durch im Schnitt 263.000 Kunden (523 Mio. Kunden in Deutschland insgesamt). Korbumsatz ziemlich genau 11 €, Korbertrag geschätzt um 3,00 € bis 3,50 €. EBITDA-Marge ähnlich wie bei dm geschätzt um 5 %. Mit durchschnittlich 540 qm je Filiale kleiner als dm-Läden (etwa 750 bis 800 qm).
Renditekönige sind in der Einzelhandelslandschaft immer noch die Optiker, obwohl die Krankenkassen schon lange keine nennenswerte Rolle mehr in diesem Markt spielen. Offenkundig sind in dieser Branche, die traditionell etwa ein Zehntel des Apothekenmarktes ausmacht (gut 5 Mrd. € netto), die Margen immer noch so auskömmlich, dass der durchschnittliche Optikerladen sich durch den Verkauf von zwei bis drei Brillen am Tag über Wasser halten kann – bei Spannen bis weit über 70 % und durchschnittlichen Brillenpreisen im Bereich etlicher Hundert Euro nachvollziehbar. Die dort gefürchtete Fielmann-Kette verkauft jedoch etwa 35 Brillen täglich je Filiale und hält einen Marktanteil von stolzen 52 % nach Anzahl, aber nur 21 % nach Umsatz, was auf einen weniger als halb so hohen Umsatz je Brille (Preispolitik!) hinweist.
Eine einzelne Fielmann-Filiale setzt etwa 1,82 Mio. € im Schnitt um (zum Vergleich Optiker-Einzelunternehmen: um 300.000 €), bei vergleichsweise lächerlichen 20,8 % Wareneinsatz und einer EBITDA-Marge von stolzen 21 %. Woher man so etwas weiß? Fielmann ist an der Börse notiert (mit durchaus überzeugender Kursentwicklung und ganz ordentlichen Dividenden), und so geben die jährlichen Geschäftsberichte interessante Einblicke!
Der Blick in „Nachbars Garten“ lohnt! Nicht alles dort ist Gold, was glänzt. Gleichwohl bewegen sich gerade kleinere Apotheken heute auf schmalem Renditepfad.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(19):4-4