Prof. Dr. Reinhard Herzog
Die Tatsache, dass Sie hier von mir lesen, verdanken Sie letztlich zwei Begriffen: „Steno“ und „Schreibmaschine“. Der Autor dieser Zeilen, zu Beginn des Studiums vor mittlerweile über 30 Jahren alles andere als angetan von der damaligen pharmazeutischen Studiensituation, hatte sich für die Beamtenlaufbahn im gehobenen Verwaltungsdienst beworben und war aus vielen Hundert Bewerbern auch genommen worden.
Auf der Suche nach einem Platz für die vorgeschaltete Praktikumszeit kam dann seitens des Amtsleiters einer südbadischen Gemeinde die Frage: „Können Sie denn Schreibmaschine und Steno?“ Der Gedanke, als besserer Sekretär zu enden oder zum Diktat bestellt zu werden, führte bei einem Jungspund wie mir damals zu stärksten Abwehrreflexen und in der Folge zur raschen Absage dieser seinerzeit gar nicht so unattraktiven Stelle. Zwei Worte haben so den Lebensweg grundlegend beeinflusst …
Solche Geschichten gibt es viele. Wenn Sie nachdenken, warum Sie ausgerechnet in Ihrer Apotheke in X-Hausen sitzen oder wie Sie Ihre(n) Partner kennengelernt haben, mit allen Konsequenzen, werden Sie oft feststellen, dass es Zufälle, Kleinigkeiten, Bauchentscheidungen oder bisweilen ganz irrationale Dinge waren, die Sie dahin gebracht haben, wo Sie heute stehen.
Nur in erstaunlich seltenen Fällen beruht es ganz überwiegend auf stringenter Lebensplanung. Schon öfter findet man eine bunte Mischung aus Planung und diversen Zufällen und „Glück“ oder „Pech“. Solange alles immer gut gegangen ist, mag ein vertieftes Nachdenken nicht nötig erscheinen. Nur hat niemand das Glück dauerhaft gepachtet.
Vielleicht fragen Sie sich, warum Ihr Wettbewerber ganz oben mitspielt, obwohl Sie Ihre Zweifel haben, wie er überhaupt die Schule geschafft hat. Oder wie es Ihr Schulkamerad sehr weit auf der Karriereleiter geschafft hat, obwohl er früher mitnichten eine der hellen Kerzen auf der Torte war. Umgekehrt werden diese Fragen erstaunlicherweise selten gestellt: Warum steht mein Konkurrent so schwach da, obgleich er doch ein ganz cleverer und lieber Zeitgenosse ist?
Oftmals gilt für die Erfolgreichen, dass sie schlicht zur richtigen Zeit im „richtigen Film“ an der entscheidenden Stelle standen – und dann beherzt zugegriffen haben. Dazu muss man nicht herausragend klug sein. Die „Forrest-Gump-Storys“ sind in abgeschwächter Form gar nicht so selten. Andere hochintelligente Zweifler hingegen wären eben nicht weitergekommen.
Denken wir zudem an unser ureigenstes Metier, unseren Heilberuf (das schließt die Verantwortung für die eigene Gesundheit mit ein): Wie oft stellen sich hier teils lebensentscheidende Weggabelungen? Das kann schon ein falsches Medikament oder eine versäumte Vorsorgeuntersuchung sein!
Rational handeln
Ob eine Filiale, die große Modernisierung, gar ein Standortwechsel, „nur“ die Teamvergrößerung oder -verkleinerung oder private Dinge: Je bedeutsamer die Entscheidung, umso rationaler sollte man darangehen. Angst ist genauso fehl am Platz wie eine übermäßig geschwellte Brust („Die Konkurrenz putzen wir einfach weg …“) oder schlichte Gier. Entscheidungen spielen sich stets in „Spannungsfeldern“ ab (siehe Abbildung). Das ist völlig normal, nur sollte man das alles eben richtig ausbalancieren.
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Ein „Punkteplan“
1. Stecken Sie zuerst das Gelände, sprich die „Ergebnisräume“ ab. Listen Sie je nach Fallkonstellation die wichtigen Parameter auf (siehe Abbildung unten). Das können schlicht Einkommen, Marktanteile und ähnlich „harte“ Kriterien sein, aber auch (vermeintlich) „weiche“ wie Lebensqualität, Betriebsklima usw. Wo stehen Sie heute? Wo könnte Sie die Entscheidung hinführen? Wo können Sie besten-, wo schlimmstenfalls landen (Best Case, Worst Case)? Das können Sie grob klassifizieren (wie im Bild anhand von „Smileys“), oder sehr konkret mit Zahlen, Schulnoten u.a.m. hinterlegen.
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2. Als nächstes gilt es, Entscheidungs- und Ereignispfade zu entwickeln. Welche Optionen liegen auf dem Tisch? Was wären die Ergebnisse (vgl. nebenstehende Matrix, die für jeden Entscheidungsweg, der vom heutigen Ist-Zustand wegführt, neu aufzustellen ist)? Welche in der Regel nur abschätzbaren Wahrscheinlichkeiten setzen Sie an, dass dies oder das passiert? „Eintrittswahrscheinlichkeit mal Gewinn bzw. Verlust“ ist somit ein relevanter Orientierungswert.
3. Arbeiten Sie nennenswerte existenzielle Risiken Ihrer Entscheidung besonders heraus; diese sollten ggf. ein hartes K.o.-Kriterium sein, vor allem, wenn Sie in Ihrem heutigen Ist-Zustand keinen solchen Bedrohungen ausgesetzt sind.
4. Bedenken Sie auch: Wenn Sie einen Schritt gegangen sind, sind weitere womöglich zwingend – Sie „hängen drin“. Bisweilen zieht so ein Fehler die nächsten Folgefehler nach sich. Das sollte man vorher erkennen.
5. Versuchen Sie an dieser Stelle bereits zu vereinfachen: Welche Wege scheiden nach kurzer, vernünftiger Überlegung aus?
6. Meist haben Sie mit anderen Beteiligten und Partnern zu tun bzw. sind von deren Verhalten abhängig. Sie treffen weit bessere Entscheidungen, wenn Sie Motive, Möglichkeiten, Chancen und Risiken sowie die persönlichen Faktoren des Gegenübers ähnlich wie Ihre eigenen „auf dem Radar“ haben – ähnlich wie im Schachspiel. Oder mit einer Indianerweisheit: Du kannst einen Anderen erst beurteilen, wenn Du in seinen Schuhen gelaufen bist ...
7. Hören Sie auf Ihr eigenes Wertesystem, insbesondere wie hoch die nicht-materiellen Kosten bzw. Gewinne (Lebensqualität, eigene Gesundheit, Belastungen aller Art) ausfallen könnten.
8. Die Entscheidungsbäume nähern sich, je konkreter es wird, übrigens immer mehr einem Projektablaufplan an.
Konkretes Handling
Der Entscheidungsprozess wird nun konkreter und verdichtet sich. Irgendwann heißt es „Hopp“ oder „Top“. Mancher analysiert sich lieber zu Tode, um die Entscheidung aufzuschieben, andere machen gar nichts (alles löst sich irgendwann irgendwie von selbst) oder fällen, gern unter selbst aufgebautem Zeitdruck, die sprichwörtliche Bauchentscheidung in letzter Minute. Dem können Sie, ergänzend zum oben Gesagten, die Spitze nehmen:
- Erstellen Sie frühzeitig Zeit- und Projektabläufe (anfangs orientierend): In welchen Zeiträumen ist zu denken, was hängt wie zusammen, welche Pflöcke sind wann einzuschlagen (Entscheidungsbaum), welche „Deadlines“ gibt es?
- Sorgen Sie in der anschließenden Beobachtungs- und Analysephase für die Herstellung der „Entscheidungsreife“ – durch Sammlung von Fakten, Einschätzungen, Gutachten etc.
- Eine grundsätzliche Frage: Gibt es eine Exit-Strategie bzw. Revidierbarkeit? An welchen Stellen legen Sie sich inwieweit endgültig fest? Ist ein Rückzug, und wenn, zu welchem Preis, möglich („harter“ bzw. „weicher“ Ausstieg)? Oder bringt Sie Ihre Entscheidung in ausweglose Situationen: „Hamsterrad“, existenzielle Abhängigkeiten, Klumpenrisiken?
- Selbstkontrollphase: Diese spielt sich zwischen den Antipoden „Best Case“ und „Worst Case“ ab: Was gibt es am Ende höchstens zu gewinnen bzw. zu verlieren? Mit diesen Extremen sollte Ihre Impuls- und Gefühlskontrolle umgehen können. Das sind teils tiefe Blicke in die eigene Seele (Umgang mit Risiken, Verlustängste, Bindungsfähigkeit, Selbstüberschätzung, hohe oder niedrige materielle Prägung u.a.), was insbesondere bei sehr bedeutsamen „Weggabelungen“ äußerst wichtig ist. Hier können ausgesprochene Vertrauenspersonen als „Korrekturinstanz“ und „Spiegel“ sehr hilfreich sein.
- Gleichwertige Alternativen können Sie auch andere (z.B. Mitarbeiter) entscheiden lassen und diese so aufwerten. Bei Entscheidungsschwäche kann hier ggf. sogar das Los oder der Würfel zum Einsatz kommen.
- Ist ansonsten das „abwartende Offenlassen“ eine Alternative? Dies aber bitte ebenfalls als klare Entscheidung formuliert mit Endtermin und begleitenden Beobachtungen.
- In Sitzungen und Verhandlungen sollten Sie grundsätzlich nach einer klar vorgegebenen Zeit einen Entscheid treffen – und sei es, dass etwas (noch) nicht entscheidungsreif ist und deshalb konkret von jenen Verantwortlichen mit folgenden Mitteln bis zum Termin X relevante Informationen einzuholen bzw. Ausarbeitungen zu erstellen sind.
Überzeugung zählt
Selbst wenn es nicht gerade nüchtern-analytisch klingt: Sie sollten sich immer wohlfühlen mit Ihrer Entscheidung! Das erreichen Sie nur, wenn Sie vollständig davon überzeugt sind. Dinge, die Sie mit einem schlechten Gefühl oder Bedenken starten, laufen ein hohes Risiko, sich tatsächlich in die falsche Richtung zu entwickeln.
Interessanterweise tun wir, oft unbewusst, viel dafür, dass sich unsere Befürchtungen im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung bewahrheiten – verrückt, aber wahr. Deshalb entwickeln Sie Ihr individuelles Entscheidungsprozedere und gönnen Sie sich dafür Ihre eigenen „Rituale“, die Ihnen die Sicherheit geben, überlegter zu agieren und eben nicht einfach mal so falsch im Leben abzubiegen.
Somit zählt am Ende die richtige Mischung. Allein schon die rationale Beschäftigung mit Entscheidungsprozessen sowie die Schaffung von Transparenz und Regeln helfen, unüberlegte Bauchentscheidungen vor allem bei wirtschaftlich oder persönlich höchst relevanten Entscheiden zu minimieren. Sie können, selbst wenn es weniger gut gelaufen ist, für sich reklamieren, immerhin das Bestmögliche im Vorfeld getan zu haben. Sie müssen sich keine Vorwürfe machen, leichtfertig etwas verspielt und im Grunde doch gegen Ihre Überzeugung und Ihre innere Stimme gehandelt zu haben.
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Apotheker Dr. Reinhard Herzog, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2017; 42(07):4-4