Antworten rund um eine ewige Frage

Du oder Sie?


Ute Jürgens

Das Thema gibt es in jeder Apotheke: Alle duzen sich oder jeder sagt „Sie“ oder es wird bunt gemischt. Mal wird die Anrede vom Chef verordnet, mal entscheiden die Angestellten selbst. Was ist wann sinnvoll und wie wirkt es auf die Kunden?

Fangen wir mit der letzten Frage an. Das Publikum empfindet dies ganz unterschiedlich, wir können uns daher unabhängig vom „Außen“ entscheiden. Hilfreich ist dennoch zu wissen, was bei Ihnen im Umfeld eher üblich ist. In Stadtgebieten mit vorwiegend jüngeren Bewohnern werde ich seit Jahrzehnten sogar als Kundin geduzt, die Angestellten untereinander sprechen sich hier grundsätzlich mit „Du“ an.

Wer entscheidet?

Ungünstig ist es, als Apothekenleiter das „Du“ zu befehlen oder aber es den Mitarbeitern untereinander zu verbieten. Das verursacht eher Unbehagen, Befremden und das Gefühl von Bevormundung. Kniggemäßig bietet immer der Ranghöhere das „Du“ an, bei gleicher Ebene der Ältere. Grundsätzlich sollte jeder selbst entscheiden. Wenn Sie als Chef ein generelles „Du“ möchten, regen Sie dazu eine Diskussion an:

  • Pros und Kontras sammeln.
  • Welche Befürchtungen bestehen, wenn sich alle duzen?
  • Beispielsituationen schaffen Klarheit.

Akzeptieren Sie die Ergebnisse des Teams. Wird Ihnen gegenüber das „Sie“ favorisiert, gibt es viele Gründe. Sie werden nicht als Mensch abgelehnt, sondern nur die neue Anredeform – sie bedeutet vermutlich für die Angestellten etwas anderes als für Sie. Viele Mitarbeiter möchten eine gewisse Distanz zum Chef wahren, das Siezen macht es für sie einfacher.

Ungeschickt ist es, das Duzen wie aus Versehen zu benutzen und dabei zu bleiben, wenn das Gegenüber nicht widerspricht. Nicht jeder traut sich, dem Chef etwas abzuschlagen, auch wenn er sich bei dessen Verhalten unbehaglich fühlt.

Höflichkeit und Respekt sind nicht automatisch an das „Sie“ gebunden, dies ist eher eine Frage der Grundeinstellung zum Menschen überhaupt oder zu den einzelnen Mitarbeitern. Stellen Sie auf das „Du“ um, ist es trotzdem angezeigt, die Form zu wahren und nicht plötzlich zu einer plumpen Vertraulichkeit zu wechseln oder – womöglich noch vor dem Kunden – etwas wie „Susi, was für ein Durcheinander, was hast Du hier wieder gemacht?“ zu äußern. Bleiben Sie bei den Formulierungen, die Sie auch beim „Sie“ nutzen, und ändern Sie lediglich das Personalpronomen.

Denken Sie auch an elementare Freundlichkeit wie z.B. „bitte“ und „danke“. Obiger Satz hieße dann beispielsweise: „Susanne, kommst Du bitte und hilfst uns weiter?“ Und wenn Susanne sich in Bewegung setzt bzw. wieder nach hinten geht: „Ich danke dir.“ Spricht man dem Kunden gegenüber von einem abwesenden Kollegen, den man selbst duzt, redet man natürlich trotzdem von „Herrn Meier“ und nicht von „Peter“.

Varianten sind selbstverständlich

Manche Chefs duzen sich mit einigen Mitarbeitern und mit anderen nicht. Mitunter hat man früher gemeinsam als Angestellte gearbeitet oder ein Mitarbeiter ist schon so lange im Betrieb, dass er den Chef schon als Kleinkind kannte und man einfach bei der alten Anrede geblieben ist. Das gleiche gilt für Kinder von Approbierten oder PTAs, die man bereits von klein auf kennt und die nun auch das pharmazeutische Fach gewählt haben. Vielleicht ist auch der Bruder des Chefs mit der PTA verheiratet oder es hat sich ganz einfach durch längere Zusammenarbeit mit dem einen oder anderen eine Freundschaft entwickelt, da man auf gleicher Wellenlänge ist. Solange das Duzen für die anderen Mitarbeiter nachzuvollziehen ist, gibt es selten Missgunst. Erscheint es den anderen als Sonderbehandlung, entsteht schnell Misstrauen und der Verdacht von Bevorzugung.

Etwas irritierend und nicht für jeden leicht durchzuhalten ist der Wechsel der Anrede bei verschiedenen Gelegenheiten. Trifft man sich privat, gilt das „Du“, beruflich am Arbeitsplatz das „Sie“. Probieren Sie aus, ob es für Sie praktikabel ist, wenn Sie dazu tendieren. Verabreden Sie es miteinander und bleiben Sie gelassen, wenn es zu kompliziert wird. Einigen Sie sich dann auf eine einheitliche Anrede.

Einen Kompromiss stellt die Anrede mit Vornamen und das Siezen dar. Im Alltagsgebrauch spricht man sich allerdings oft direkt an, ohne den Namen zu benutzen, so ergibt sich in der Praxis doch wieder das „Sie“.

Schwierigkeiten durch das „Du“

„Wenn das Verhalten der Führungskraft nicht zu der assoziierten Vertraulichkeit der persönlichen Anrede passt, ist das Duzen sogar kontraproduktiv. Als Führungskraft hat man Entscheidungen zu treffen, oftmals auch unangenehme“, betont der Arbeitspsychologe Prof. Dr. Tim Hagemann im Beitrag „Die Anrede muss zur Unternehmenskultur passen“ im Business-Netzwerk Xing. Bei sensiblen Gesprächsthemen wie negativem Feedback, Kündigung, der Einführung von ungeliebten Arbeitszeiten gestaltet sich das Gespräch auf der Duz-Ebene eher schwieriger, da der emotionale Abstand geringer ist. Das gilt für beide Seiten.

Spiegel Online meint dazu: Es ist wesentlich schwerer, lästige oder unangenehme Arbeitsaufträge an Mitarbeiter zu verteilen, mit denen man per Du ist. Denn wer seinen Chef duzt, wird viel eher versuchen, eine Diskussion vom Zaun zu brechen, um die Arbeit doch noch irgendwie von sich abzuwenden, als jemand, der mit ihm per Sie ist.

Wie sieht es beim Zurücknehmen des „Du“ aus? Das ist generell schwierig – wem das „Du“ entzogen wird, der wird meist gekränkt sein. Noch am ehesten wird es in der oben geschilderten Situation akzeptiert, wenn ein Mitarbeiter den neuen Chef seit der Kindheit kennt. Am besten wäre hier, wenn der Ältere den Jüngeren einfach siezt, dann bleibt es Letzterem überlassen, dies stillschweigend zu akzeptieren oder zum „Du“ zurückzukehren.

Erst einmal abwarten

Ein Apotheker, der gerade eröffnet oder einen Betrieb übernommen hat, sollte erst einmal abwarten und das soziale Gefüge in seinem Team beobachten. Sofort auf die Du-Ebene zu gehen, ist zumindest sehr gewagt. Vielleicht erweist sich jemand als unsympathisch oder wahrt keinerlei Distanz mehr. Da können dann sehr persönliche oder indiskrete Fragen kommen oder (zu) freche Neckereien.

Wie reagieren Sie, wenn überraschend ein Angestellter Ihnen als Chef das „Du“ anbietet? Wenn es für Sie in Ordnung ist, nehmen Sie an. Wenn nicht, haben Sie zwei Alternativen. „Vertagen“ ist am sichersten, so halten Sie sich alle Möglichkeiten offen. Antworten Sie mit einem: „Das ist sehr freundlich von Ihnen, und gleichzeitig noch zu früh für mich, ich sag‘ Ihnen von mir aus, wenn ich es irgendwann möchte.“ Sind Sie sich schon ganz sicher, dass Sie beim „Sie“ bleiben möchten, werden Sie klarer: „Nein, das ist sehr freundlich, aber das möchte ich lieber prinzipiell nicht.“ Eine Begründung ist nicht Pflicht, hilft aber. Bedanken Sie sich in jedem Fall wertschätzend für das Vertrauen. Es ist schön, wenn der Mitarbeiter deutlich das Gefühl bekommt, dass eine Absage in Ihnen und nicht in ihm begründet ist. Für ihn ist es auch ein Wagnis und zeugt von Mut, Ihnen das „Du“ anzubieten, umso besser, wenn Sie es schaffen, Ihre Ablehnung positiv und nicht verletzend zu formulieren.

Grundsätzlich sollte man als Chef das „Du“ auf einer Feier auch unter Einfluss von Alkohol nur dann anbieten, wenn man es wirklich ernst meint. Und dann am nächsten Tag auch konsequent dabei bleiben, sodass klare Verhältnisse bestehen.

Generell ist es kaum möglich, nach längerer Zeit vom „Du“ zurück zum „Sie“ zu wechseln. Daher will die Anrede gut überlegt sein. Aber insgesamt ist das „Sie“ in den Unternehmen eher auf dem Rückzug, der Trend zum „Du“ hält an. Die ursprünglichen Regeln der Etikette in diesem Zusammenhang geraten langsam außer Kraft.

Ute Jürgens, Kommunikationstrainerin und Einzelcoach, KomMed, 28865 Lilienthal, E-Mail: KomMed@freenet.de

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Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2017; 42(16):11-11