Nichts wächst ewig

Zeit der Trendwenden?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Wir haben uns sehr schön eingerichtet in einer erstaunlich lange anhaltenden wirtschaftlichen Schönwetterperiode. Das Gespenst der Arbeitslosigkeit hat in weiten Bevölkerungskreisen seinen Schrecken verloren, Geld ist billig, Pluszeichen dominieren die meisten Wirtschaftsdaten und -indikatoren. Das gilt traditionell ganz besonders für den Pharmamarkt – nur immer wieder einmal durch eine Gesundheitsreform unterbrochen, um den ungestümen Wachstumsdrang zu zähmen.

Etwas überraschend und ernüchternd zugleich schließt daher die Bilanz des letzten Jahres ab. Selbst wenn der – bedingt durch Kalendereffekte (weniger Arbeitstage) und keineswegs winterhafte Temperaturen – schwache Dezember seinen Teil dazu beigetragen hat, so überrascht doch die Stagnation nach Menge. Bereits 2016 wurde mit knapp ein Prozent Mengenwachstum ein eher schwaches Ergebnis erzielt, und das alles noch ohne eine Versandhandelsbereinigung der Daten.

Dabei würde allein der demografische Alterungsprozess immerhin gut 0,5% Absatzwachstum bedeuten. Die erhebliche Zuwanderung (über 3% Bevölkerungszuwachs seit 2012, keineswegs nur Flüchtlinge, sondern auch viele andere Zuwanderer vor allem aus den EU-Staaten) sollte sich ebenfalls niederschlagen, dergleichen die ganz ordentliche Kaufkraftentwicklung infolge deutlich steigender Renten und Löhne.

Stattdessen sehen wir eine Mengenstagnation. Nur die Umsätze legen dank einiger teurer, innovativer Präparate immer noch deutlich zu. Der Versand räubert vor allem im Non-Rx-Segment. Bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten konnte er indes seinen Marktanteil kaum ausbauen, taugt also insoweit als Erklärung nicht.

Es gibt aber auch etliche absatzdämpfende Gegenentwicklungen. Weit oben stehen eine rationalere Verordnungsweise, aber auch Umschichtungen, um Hochkostentherapien finanzieren zu können. Ärzte sparen daher durchaus in der Breite – durch Abspecken von Kombinationstherapien und Polymedikationen sowie durch eine kritischere Betrachtung ehemals hochgelobter Präparate aus den „goldenen 1990er-Pharma-Jahren“. Nichts wächst ewig, und so werden beispielsweise die in den vergangenen Jahren förmlich explodierenden Antidepressiva-Verordnungen (2001: etwa 500 Mio. Tagesdosen, 2016: fast 1.500 Mio.) einen Zenit erreichen und sich danach bestenfalls halten – so wie wir das bei den ebenfalls über viele Jahre hochgeschossenen ADHS-Präparaten („Ritalin“) gesehen haben. Weitere Kandidaten mit heute noch Massenverordnungen: Lipidsenker für „beinahe jeden“, Säureblocker- und die vielen Ibuprofen- wie auch Metamizol-Verschreibungen. Allein diese kleine Liste macht über 100 Millionen Packungen pro Jahr aus!

Vergessen wir nicht, dass die kommunalen Entsorgungsbetriebe zuverlässig unsere besten Kunden sind – schließlich landen immer noch viele Arzneimittel im Müll (Schätzungen gehen von 20% bis 30% aus). Unser gelobtes Medikationsmanagement, ernsthaft betrieben, würde wohl gleichfalls zu erheblichen Reduktionen führen, dergleichen eine höhere Verordnungstransparenz (elektronische Patientenakte und E-Rezept). Mittels der Packungsgrößen, schon früher angedacht („Jumbo-Packungen“ bis hin zum Jahresbedarf), ließe sich künftig ebenfalls ein empfindlicher Einfluss auf die Packungszahlen nehmen, sollte Sparen wieder in Mode kommen. Andererseits eröffnen sich immer mehr und neue Therapieoptionen, aber eben spezielle und oftmals sehr teure. Das kompensiert nicht den möglichen Wegfall in der Masse.

So betrachtet stehen weniger hinter den Umsätzen als hinter den so wichtigen Packungszahlen überraschend große Fragezeichen – trotz Demografie und guter Konjunktur. Letztere ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Das Pendel schwingt eben hin und her. Zinswende, Konjunkturwende, wieder einmal eine Arbeitsmarktwende sowie eine Politikwende (wenn auch grundlegend wohl erst nach der aktuellen Legislaturperiode möglich): Wir stehen absehbar vor einigen Trendbrüchen! Etliche erkennen dies nicht und fahren beruhigt im Schlafwagen weiter. Andere steigen aus bzw. um oder stellen sich zumindest auf eine unruhigere Fahrt ein – und zwar frühzeitig.

Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2018; 43(07):19-19