Versandhandel

Die Krux mit den Marktdaten


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Das Phänomen des „weißen Elefanten“ beruht darauf, dass er platzfüllend im Raum steht, aber nicht wahrgenommen wird. Demgegenüber werden die Mücken an der Wand zu sichtbaren Elefanten hochstilisiert. Ähnlich läuft es in der Versandhandels-Diskussion.

Dabei ist es gar nicht so einfach, die tatsächlichen Dimensionen zu erfassen. Die erhobenen Daten sind schwer überschaubar, beruhen auf unterschiedlichen Bezugswerten oder sind schlicht unvollständig. Man muss schon eine ganze Menge an Detaildaten zusammenklauben, um eine gewisse Vorstellung von den realen Verhältnissen zu bekommen.

Wohl am übersichtlichsten sind die Rx-Versandhandelsdaten, schon allein, weil sie nach wie vor nur einen kleinen Anteil von etwas über 1% nach Menge und Wert ausmachen. Das sind absolut gut 400 Mio. €. Gegenprüfungen z.B. mittels der GKV-Finanzergebnisse, die den Versand separat ausweisen, bestätigen diese Größenordnung wie auch die angesichts der gewaltigen Werbemaschinerie bescheidenen Zuwächse. Schwerer zu fassen sind Privat- und Lifestyle-Verordnungen: Hier dürften erheblich mehr als 1% per Päckchen kommen. Doch der Anteil am Gesamtmarkt bleibt trotzdem überschaubar.

Ganz anders sieht es im Non-Rx-Bereich aus, nicht zuletzt, weil hier das (potenzielle) Apothekensortiment weit gespannt ist – von den klassischen OTC-Arzneimitteln bis hin zu Medicalprodukten, Diagnostika, Kosmetik und heute sogar allerlei Produkten für die tierischen Hausgenossen. Hier gibt es etliche „blinde Flecke“ und ein wachsendes Dunkelfeld. Auch ohne diese Unbekannten sind die Werte bedrohlich genug, und der Grund steckt in der Bezugsbasis. Auf Basis der Herstellerpreise sind die Werte noch überschaubar. Die realen Apothekenverkaufspreise, die wohl vom Marktforscher Insight Health am umfassendsten publiziert werden, lassen schon eher aufhorchen. Da stehen nämlich im Jahr 2017 fast 1.800 Mio. € brutto auf Seiten der Päckchenkonkurrenz (allerdings ohne Diagnostika, und auch hier gibt es kleinere, „blinde Flecke“). Da aber die realen Preise dort im Schnitt rund 30% unter den Apothekenlistenpreisen liegen, beträgt der den stationären Apotheken verloren gehende theoretische Umsatzwert fast 2.600 Mio. € brutto. Rechnen wir die Teststäbchen hinzu (geschätzter Versandwert bei gut 100 Mio. €) und die Mehrwertsteuer herunter, liegen wir bei reichlichen 2.200 Mio. € Netto-Umsatz (und rund 170 Mio. Packungen) im Non-Rx-Bereich, die heute fehlen. Das entspricht um 900 Mio. € Rohertrag oder 45.000 € Ertrag je einzelne Apotheke.

Die „blinden Flecke“ kommen hinzu. Darunter sind heute zig „Gesundheits- und Fitnessshops“ im Internet zu nennen, die von (teils „grauer“) Nahrungsergänzung, freiverkäuflicher Arznei bis hin zu vielfältigen Geräten sowie Apps und Software alles Mögliche durchaus erfolgreich an die Frau und den Mann bringen. Vergessen wir zudem nicht die zunehmenden Internet-Aktivitäten der „Großen“ in der Einzelhandelslandschaft. Die oft wenig erfolgreichen Gehversuche einiger Kollegen im Versandgeschäft machen die Lage nicht besser.

Die Offizinapotheken verlieren dabei typischerweise teurere Produkte und laufend verwendete. Eine Chance hingegen ergibt sich bei Produkten in einem Preisbereich von etwa 5 € bis 15 €: Sie nämlich bieten einen durchaus noch akzeptablen Ertrag, sind aber für eine Bestellung meist zu billig.

All dies zeigt: Ein Rx-Versandhandelsverbot löst nur ein zurzeit geringes Problem, das auf längere Sicht vielleicht deutlich größer werden könnte. Die viel drängenderen Probleme im Non-Rx-Bereich werden so nicht gelöst, und schon gar nicht die enormen Herausforderungen der Zukunft – die Rollen von Automation, Digitalisierung und mit künstlicher Intelligenz gesegneten Systemen sowie schlicht das Thema Fernberatung via Datenleitung.

Ein neu besetztes Gesundheitsministerium ist Chance und Risiko zugleich. Wie so oft entscheidet der erste Eindruck auf beiden Seiten, und beliebig viele Freischüsse hat ein so politik- und gesetzesabhängiger Berufsstand wie unserer nicht. Gemessen daran müssen wir uns fragen, ob wir wirklich die richtigen Prioritäten setzen und nicht das Pulver für zweitrangige Probleme verschießen.

Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2018; 43(09):19-19