Dr. Hubert Ortner
Die aktuellen Marktzahlen für das 1. Halbjahr 2022, die der US-amerikanische Marktdaten-Spezialist IQVIA im aktuellen Consumer Health Spotlights Report veröffentlicht hat, sind aus Sicht der Vor-Ort-Apotheken durchwachsen. Zwar konnte der deutschen Apothekenmarkt von Januar bis Juni gegenüber dem Vergleichszeitraum 2021 insgesamt um solide 5,7% zulegen, doch haben die Offizin-Apotheken im OTC-Segment während der Corona-Pandemie unterm Strich Marktanteile gegenüber den Versendern eingebüßt. Die rezeptfreien Arznei- und Nichtarzneimittel waren laut IQVIA-Zahlen starke Umsatztreiber für die 34,9 Mrd. €, die mit Apotheken-Artikeln im 1. Halbjahr 2022 insgesamt erwirtschaftet wurden: Im Vergleich zum extrem schwachen Vorjahr 2021 konnte diese Produktgruppe sogar zweistellig (+10,7%) zulegen.
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Trotz dieser an und für sich positiven Entwicklung haben die Vor-Ort-Apotheken im OTC-Segment das vorpandemische Niveau knapp verfehlt: Lag dieses im 1. Halbjahr 2020 noch bei 3,832 Mrd. €, so standen dem im 1. Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres Umsatzerlöse von 3,746 Mrd. € gegenüber – entsprechend einem Rückgang von 2,2%. Im Vergleich dazu konnte der Versandhandel im selben Zeitraum um 16,6% zulegen – von 1,008 Mrd. € auf 1,175 Mrd. €. Dementsprechend haben sich die Marktanteile zugunsten der Versender verschoben: Verbuchten DocMorris & Co. im 1. Halbjahr 2020 noch OTC-Marktanteile von 21%, so erhöhten sich diese in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres auf 24%.
Exemplarisch herausgegriffen haben sich die US-Marktforscher den Markt für Körperpflege- und Kosmetikprodukte: Hier mussten die Offizin-Apotheken im 1. Halbjahr 2022 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2020 Umsatzrückgänge i.H.v. 8,7% hinnehmen – von 597 Mio. € auf 545 Mio. €. Zugleich legte der Versandhandel deutlich zweistellig von 200 Mio. € auf 247 Mio. € zu (+23,5%). Damit einher ging eine Verschiebung der Marktanteile: Hatten die Vor-Ort-Apotheken in diesem Produktsegment im 1. Halbjahr 2020 noch Marktanteile von 75%, so sind diese in den letzten zwei Jahren beträchtlich auf 69% gesunken.
Ganz anders würde das Bild freilich aussehen, wenn man das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ins Auge fassen würde: Hier dominieren die Vor-Ort-Apotheken den Markt nach wie vor mit Anteilen von rund 99%. Um in diesem strategisch extrem wichtigen Segment Boden gut zu machen, hoffen die niederländischen Versender seit Jahren auf die Einführung des E-Rezepts. Doch obwohl dieses – wenngleich im deutschen Schneckentempo – gerade schrittweise ausgerollt wird, so gibt es noch andere Hürden, an denen DocMorris scheitern könnte, nämlich insbesondere am barrierefreien Zugang zum E-Rezept-Token ...
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(18):9-9