Energiekosten-Explosion

Existenzielles oder beherrschbares Risiko?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

„Ein Brot müsste jetzt 9 Euro kosten“ – solche Statements sind vielfach zu hören angesichts massiv verteuerter Energie- und diverser Rohstoffpreise. Was müsste da bei uns nun ein Schmerzmittel kosten? Wir gehen der Sache auf den Grund und räumen mit Mythen auf.

Abb. 1: Energiekostenanteile vor 2022, Orientierungswerte

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Möchte man die Betroffenheit durch die aktuelle Energiekrise bewerten, gilt es erst einmal einen Blick auf die Kostenstrukturen zu werfen. Der Energiekostenanteil am Umsatz schwankt nämlich ganz enorm je nach Branche (Abbildung 1).

Apotheken sind hier ausnahmsweise mal privilegiert. Nicht nur, dass sie beachtlich hohe Quadratmeterumsätze (etwa 15.000 € bis deutlich über 20.000 €) erzielen. Manche Apotheke erreicht mehr Rohertrag je Quadratmeter (qm) Apothekenfläche als z.B. der Lebensmittelhandel mit 5.000 € bis 6.000 € an Umsatz. Unser Energiekostenanteil ist dagegen gering, wenn auch absolut nicht vernachlässigbar. Bei manchen Chemieprodukten macht hingegen allein die Energie über 50% der Herstellkosten aus! Eine Firma BASF benötigt beispielsweise global 58 Milliarden Kilowattstunden (KWh) Primärenergie, davon 31 Mrd. KWh Erdgas. Jeder Cent pro KWh schlägt also mit 580 Mio. € durch, bei 78 Mrd. € Umsatz und knapp 8 Mrd. € Vor-Steuer-Gewinn (EBIT) 2021. Erschreckend sind Energiekostenanteile von 10% bis 20% in Altenheimen. Angesichts bereits heute aufgerufener Kosten für einen Platz kann man sich ausmalen, was „explodierende Energiekosten“ dort bedeuten.

Kostenschau im Einzelhandel

Bei Apotheken-Raumkosten, die im Zuge gestiegener Umsätze typischerweise noch um 1,3% bis 1,8% vom Umsatz betragen, in Einzelfällen (Frequenzlagen) 3% überschreiten können, machten die Energiekosten in aller Regel bisher deutlich unter 0,5% aus (bzw. um oder unter 2% vom Rohertrag). Den Löwenanteil stellt dabei meist der Strom. Nicht selten macht er fast den gesamten Verbrauch aus, wenn die Klimatisierung durch elektrisch betriebene (Decken-)Elemente zur Heizung und Kühlung erfolgt. Andernorts sehen wir nach wie vor die klassischen Heizungen auf Basis von Gas oder Öl, bisweilen anderen Energieträgern, Fernwärme oder zunehmend durch erneuerbare Energie ergänzt.

Untersuchungen (z.B. EHI Retail Institute Köln, www.ehi.org), noch vor der Energiekrise, geben einen Gesamtenergieverbrauch auf Non-Food-Ladenflächen von gut 100 KWh je qm für Strom und 50 KWh je qm für die Heizung an. Textilläden brauchen sogar reichlich 140 KWh je qm an Strom (Beleuchtung!). Energieintensiv sind Lebensmittler mit fast 320 KWh/qm an Strom und um 85 KWh für Wärme. Neubauten liegen rund 25% günstiger. Der grobe Richtwert (durchschnittlicher Standard) für eine Apotheke kann daher bei etwa 150 KWh bis 200 KWh je qm Apothekenfläche für den Gesamtenergieverbrauch angesetzt werden. Eine typische Apotheke benötigt so, eher großzügig bemessen, um 30.000 bis 40.000 KWh pro Jahr. Selbst wenn wir alles als teuren Strom annehmen, redeten wir bislang über Beträge mehr oder weniger deutlich unter 10.000 € im Jahr.

Energiekosten umlegen

Diese Kosten eilen nun davon, wie Tabelle 1 an zwei Beispielen illustriert. Hier sehen Sie in einem lediglich exemplarischen Rechengang, wie sich diese Kosten durch einen „Energiezuschlag“ auf das freikalkulierbare Segment kompensieren ließen. Verordnete Non-Rx-Artikel sowie Indikator- und Schwellenpreis-Artikel wurden außen vor gelassen. Trotz Vervielfachung der Energiekosten halten sich die Zuschläge in Grenzen. Sie machen nur rund 3,5% bis 4% aus. Aus optischen Gründen kann eine Splittung Sinn machen – alle Packungen um 10 Cent rauf, plus eine rund 3%ige Erhöhung. Hier zeigt sich, dass wir weitaus weniger betroffen sind als andere Branchen (siehe Kasten „Bäcker Max“).

Seien wir ehrlich: In der jetzigen Lage sind für die meisten Artikel sogar 10% Preisaufschlag, klug gerundet, machbar. Es steigen nicht nur die Energiekosten! Guten Kunden, die sich darüber mokieren (es sind nur die wenigsten), kann man individuell immer noch entgegenkommen. Und zu guter Letzt bleibt die Hoffnung auf den „Wumms“ namens Energiepreisbremse ...

Apotheke typischLauflage
Apothekenfläche150 qm250 qm
Strom (Netto-Basispreis 0,25 € je KWh) pro Jahr22.500 KWh45.000 KWh
Gas (Netto-Basispreis 0,06 € je KWh) pro Jahr12.500 KWh20.000 KWh
Energiekosten bisher p.a.6.375 €12.450 €
Strompreis neu = 0,60 € je KWh13.500 €24.000 €
Gaspreis neu = 0,35 € je KWh4.375 €7.000 €
Energiekosten neu p.a.17.875 €34.000 €
= Energiekosten-Differenz:+11.500 €+21.550 €
Non-Rx-Packungen, nicht verordnet*45.000100.000
… preiskritisch/kaum anpassbar10.00025.000
… verbleiben anpassbare Packungen35.00075.000
… Nettoumsatz damit280.000 €600.000 €
= Energiekosten-Aufschlag je Packung brutto:0,39 €/4,1%0,34 €/3,6%
alternativ die Erhöhung splitten …
… in einen Festaufschlag:0,10 €0,10 €
… und einen Prozentaufschlag:3%2,5%

Bäcker Max und sein Brot

Bäcker Max macht mit 4 Filialen 1,5 Mio. € Nettoumsatz (= etwa Durchschnitt). Beinahe die Hälfte davon gibt er für Personal aus, 3% bislang für Energie, 25% für die Grundstoffe seiner Backwaren. Ein Brot kostete bisher 3,50 €, ein Brötchen 0,30 €. Die Energiekosten sollen sich in der Modellrechnung vervierfachen, die Rohstoffe um 50% zulegen. Was muss, bei ähnlichem Gewinn, jetzt ein Brot bzw. Brötchen kosten (sogar ohne Energiesparen)?

Absolut fielen bisher 45.000 € für Energie und 375.000 € für Rohstoffe an, nun sind es 180.000 € bzw. 562.500 €, eine Gesamtdifferenz von 322.500 €. Das sind 21,5% vom bisherigen Umsatz. Er müsste also mindestens um diesen Prozentsatz erhöhen. Erhöht er auf 4,50 € (Brot) bzw. 0,40 € (Brötchen), könnte er sogar einige Prozent Absatzrückgang verkraften, bei etwa gleichem Gewinn. Jedenfalls sind öffentlichkeitswirksam kommunizierte, teils abenteuerliche Preise („9,00 € für ein Brot“) eher weit hergeholt.

Bei einer analogen Rechnung der Apotheken ist zu beachten, dass – anders als beim Bäcker – nur im Schnitt 10% bis 30% des Umsatzes je nach Lage frei kalkulierbar sind. Verordnungslastige Betriebe haben damit weniger Kompensationsspielraum als z.B. Center-Apotheken mit höherem OTC-Anteil.

Prof. Dr. Reinhard Herzog Apotheker 72076 Tübingen E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(20):4-4