Aussichten 2025

Der GKV-Markt legt immer noch zu


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Jährlich im Herbst tagt der „Schätzerkreis“ der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Hier werden die Projektionen zur Einnahmen- und Ausgabenentwicklung des kommenden Jahres angestellt, die u. a. über die Beitragsanpassungen entscheiden. Wie sieht es für 2025 aus?

Die Gesamtausgaben der Krankenkassen werden 2025 ebenso auf „Wachstumskurs“ bleiben wie die Arzneimittelausgaben der GKV. (© AdobeStock/weyo) 

Die Versicherten- und Mitgliederzahlen in der GKV nehmen immer noch zu – um geschätzte 116.000 bzw. 184.000 Personen auf 75,09 Millionen Versicherte und 59,02 Millionen Beitragszahler (Mitglieder) im nächsten Jahr. In diesem Jahr wurden die letztjährigen Schätzungen der Versichertenzahlen sogar spürbar übertroffen.

Beachtlich ist die weiterhin sehr ordentlich sprudelnde Einnahmebasis. Um 92,6 Milliarden Euro sollen die beitragspflichtigen Einkünfte wachsen, in diesem Jahr sind es wohl 97 Mrd. €. Erwartet werden 1.549 Mrd. € an beitragspflichtigen Löhnen (+ 5,1 %) und 344 Mrd. € (+ 5,2 %) an Renten. In der Summe sind das 1.892 Mrd. € an „Beitragsgrundlage“. Auch in 2024 war die Lohn- und Rentenentwicklung wieder recht kräftig, doch diese Zuwächse wie auch die Beschäftigungsentwicklung flachen sich nun etwas (oder doch stärker?) ab.

Zwar sehen krisenhafte Einnahmeentwicklungen anders aus, die Bäume wachsen aber nicht mehr in den Himmel. Gut 16 % Beitrag wie bisher auf das Plus an Beitragsgrundlage brächten bereits 15 Mrd. € zusätzlich in die Kasse. Jedes Mitglied verbeitragt dabei im Schnitt etwa 32.100 € Jahreseinkommen. Diese gar nicht mal so hohe Summe erklärt sich auch durch die Zahl der Rentner in der GKV; viele Besserverdiener und Beamte sind zudem privat versichert. Alles in allem befinden sich die Sozialkassen zumindest auf den ersten Blick aber immer noch in einer eher komfortablen Lage (siehe Tabelle 1).

 

Kräftiges Ausgabenplus

In 2025 stehen Gesamtausgaben der GKV von vermutlich 341 Mrd. € an (+ 6,8 %). Das liegt weit über der erwartbaren Inflationsrate und zudem über der Einnahmeentwicklung – mit der Konsequenz steigender Beitragssätze. Absolut handelt es sich um geschätzte 21,6 Mrd. € Mehrausgaben, ein erheblicher Anstieg gegenüber dem laufenden Jahr. Für die Verwaltung werden 13,6 Mrd. (+ 4,1 %) vorhergesagt. Der Gesundheitsfonds erfordert vergleichsweise bescheidene 21 Mio. € für seinen Betrieb. In etwa konstant bleiben nach der momentanen Projektion die Bundeszuschüsse in Höhe von 14,4 Mrd. €. Je Versicherten werden nunmehr 4.546 € (+ 6,6 %) aufgewandt, darin enthalten 181 € für die Kassenverwaltungsausgaben.

Das Defizit soll um gut 10 Mrd. € auf 46,7 Mrd. € steigen – dramatisch!? Tatsächlich stecken hier die (teils bisherigen) Zusatzbeiträge mit drin, welche zum Ausgleich erhoben werden. Je nach Finanzlage der einzelnen Krankenkassen werden die Zusatzbeiträge in unterschiedlicher Höhe erhoben. 46,7 Mrd. € entsprechen auf die Bemessungsgrundlage bezogen knapp 2,5 % Zusatzbeitrag über alle Kassen hinweg. Allein das zusätzliche Defizit von 10,4 Mrd. € steht für im Schnitt 0,55 Beitragssatzpunkte.

Je nach Finanzlage der einzelnen Kassen werden die Beitragssätze erheblich ansteigen, zumal im laufenden Jahr das Defizit etwas höher als Ende 2023 erwartet ausfallen dürfte. Als Faustregel bringen 0,1 Beitragssatzpunkte der GKV knapp 2 Mrd. €. So erklären sich die Werte von 0,7 bis 0,8 Prozentpunkten obenauf (und damit Beitragssätze um 17 % plus eine ebenfalls teurer werdende Pflegeversicherung).

Die Hälfte schlägt übrigens bei den Arbeitgebern als Sozialnebenkosten auf. Bei z. B. 400.000 € Lohnsumme in einer gut durchschnittlichen Apotheke sind somit um die 1.400 € bis 1.600 € zusätzlich für die GKV fällig.

Arzneimittel-Prognose

Ein Anhaltspunkt für die Entwicklung der Arzneimittelumsätze im dominierenden GKV-Bereich stellt die alljährlich erfolgende Rahmenvereinbarung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit dem GKV-Spitzenverband dar (Rahmenvorgaben nach § 84 Abs. 6 SGB V).

Für 2025 sind 5,1 % höhere Arzneimittelausgaben vorgesehen, ein deutlich geringerer Zuwachs als noch für 2024 (+ 7,95 %) vereinbart. 4,2 Prozentpunkte entfallen auf die Innovationskomponente, bescheidene + 0,7 % auf die Preiskomponente. Bezugsbasis ist der Brutto-Taxumsatz, Rabattverträge werden nicht berücksichtigt. Regional gibt es, abhängig von Demografie, Morbidität und besonderem Versorgungsbedarf, weitere Anpassungen. Keine Aussage wird zur Mengenkomponente getroffen. Erfahrungsgemäß dürfte die Anzahl der abgesetzten GKV-Packungen mäßig im Bereich um 1,0% zunehmen.

Detailregelungen und Quoten

In den Rahmenvereinbarungen finden sich zudem detaillierte Vorgaben zu einzelnen Verordnungsquoten für Wirkstoffe und häufige Indikationen. Es gibt nicht weniger als 32 Substanzgruppen mit Leitsubstanz-, Mindest- und Höchstquotenvorgaben, von Statinen über Betablocker bis hin zu Calciumantagonisten, zudem zahlreiche Biosimilars.

So muss z. B. Adalimumab (Original: das bekannte und ehemals global umsatzstärkste Präparat Humira) mit Mindestquoten von 71,3 % bis 85,4 % ganz überwiegend generisch („biosimilar“) je nach Bundesland verordnet werden. Viele Patentabläufe der Biologika der ersten und mittlerweile schon zweiten Generation lassen grüßen – mitsamt der „Qual der Wahl“ in den Apotheken. Die Rahmenvereinbarungen sind übrigens frei auf den Internetseiten der KBV einsehbar, wie übrigens auch ärztliche Gebührenverzeichnisse (aktueller EBM), Honorarberichte und anderes Wissenswerte mehr.

Fazit

Das Umsatzwachstum von 2024 dürfte sich in 2025 nicht ganz fortsetzen. Da eine immer größere Zahl an Apotheken ausscheidet (um 3,5 % pro Jahr, nächstes Jahr nochmalige Beschleunigung möglich), teilt sich dieser Markt auf immer weniger Übrigbleibende auf, und beschert dort Umsatzzuwächse im Bereich von 8 % und mehr. Der Ertragsanstieg bleibt jedoch dahinter zurück.

Ein stärkerer Kosten- als Einnahmeanstieg ist auf längere Sicht für alle bedrohlich. Würde sich die prognostizierte GKV-Entwicklung (6,8 % Kostenanstieg bei 5,1 % Einnahmen-Plus) langfristig verfestigen, müssten die Beitragssätze in 10 Jahren dann bei ziemlich genau 20 % statt 17 % im nächsten Jahr liegen.

Abbildung 1 zeigt, mit welchen Beitragssätzen man gegenhalten müsste, um ansonsten höhere Ausgabenzuwächse als Anstiege der Einnahmebasis (= im Wesentlichen die Lohnsummenentwicklung) zu kompensieren.

Abb. 1: Beitragssatzexplosion im Anmarsch?

 

Quelle: Reinhard Herzog

Nur ein oder zwei Prozentpunkte „über den Durst“ machen langfristig bereits sehr viel aus. Reformen liegen in der Luft.

 

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2024; 49(21):4-4