Prof. Dr. Reinhard Herzog
Während wir die desolate Lage unserer Apotheken beklagen, spielen sich andernorts die Umwälzungen bereits in ganz anderen Dimensionen ab. Beispiel USA: Eine der größten Apothekenketten, nämlich Rite Aid mit einst (in 2008) rund 5.000 Läden und nun unter 1.400 von 45.000 US-Apotheken insgesamt: Chapter 11, also insolvent. Der Zweite im Bunde der Krisengeschüttelten ist Walgreens Boots Alliance, Betreiber von gut 8.700 US-Apotheken und 4.300 außerhalb der USA (2.500 in England, Stand jeweils Ende 2023), zudem im u. a. hiesigen Großhandelssegment aktiv.
Nach einer schier unübersehbaren Fusions- und Übernahmewelle in den letzten zwei Jahrzehnten wurde die seinerzeitige Anzag erst von Alliance Boots übernommen, bevor diese dann mit Walgreens fusionierte. Die GEHE-Übernahme durch den US-Riesen McKesson erfolgte 2016. Inzwischen haben Walgreens Boots Alliance und McKesson das deutsche Großhandelsgeschäft weiter unter „Alliance Healthcare Deutschland“ zusammengelegt, nur als GmbH statt AG. Zahlreiche Kapriolen und „Bäumlein-wechsel-Dich-Spielchen“ gab es auf internationaler, auch europäischer Bühne. Trotz aller Volten – Walgreens steckt in einer massiven Krise, der Börsenkurs ist Zeuge. Über 140 Milliarden US-$ Umsatz, nur um die 8 Mrd. $ Börsenwert – nicht mal 6 % vom Umsatz und unter Buchwert. Gar eine Einstiegschance? Von den Höchstkursen in den Jahren 2015 bis 2017 ging es rund 90 % abwärts. Der Konzern steckt nunmehr im Verlust, Dividenden wurden zuletzt aus der Substanz bezahlt. 1.200 Walgreens-Apotheken in den USA – die übrigens nur wenig höhere Spannen als unsere Apotheken erzielen – sollen deshalb in den nächsten Jahren geschlossen werden.
Noch größer ist die US-Kette CVS mit gut 9.000 Outlets und über 360 Mrd. $ Umsatz (die ebenfalls keineswegs nur mit Apotheken erwirtschaftet werden). Die operative Zielrendite liegt zwischen 4 % und allenfalls knapp 5 %. Hier steht man somit noch besser da, aber der Restrukturierungsbedarf ist auch hier evident. Ein zentrales Thema, ähnlich wie bei uns: Wie soll die Apothekenleistung insbesondere bei den Verschreibungen künftig vergütet werden? Rezepte sind auch in den USA letztlich die Ertragsbringer, „Nebensortiment“ (weit größer als hierzulande) hin oder her. Hier arbeiten die Firmen unter dem Druck der US-Krankenversicherer und ihrer Handlanger wie der „Pharmacy Benefit Managers“ (PBMs) an individuellen Modellen. Noch mehr als bei uns schmerzen der Online-Handel, zudem der Konkurrenzdruck der Lebensmittelriesen wie Walmart oder Costco, die ebenfalls „Drugstores“ betreiben und ertragsmäßig breiter aufgestellt sind.
Eine dortige Aussage sollte zu denken geben: „Patient loyalty is not to the retail pharmacy, but it actually is what-ever my insurance is willing to pay”. Im Grunde wissen wir das ebenfalls: Würde die „Kasse“ nicht dafür zahlen, viele Verschreibungen würden ersatzlos verfallen. Und wenn eine Krankenkasse nur die Einlösung in der ABC-Apothekenkette oder Kooperation erstatten würde, die Kunden würden sich dem fügen. Unser Kontrahierungszwang ist insoweit von unschätzbarem Wert.
Besser stehen die Schweiz mit ihrem traditionell liberal-vielfältigeren und Österreich mit seinem strikteren, nach Einwohnerzuordnung limitierten Apothekensystem da. Die Preisdiskussionen haben jedoch auch in der Schweiz immer mehr an Fahrt aufgenommen, seit die Gesundheitskosten regelhaft deutlich oberhalb der Inflationsrate wachsen und die Beiträge zur „obligatorischen Kranken- und Pflegeversicherung OKP“ – dort sind das feste, einkommensunabhängige Prämien – spürbar steigen. Der Aktienkurs der schweizerischen Galenica (vorrangig ein Apothekenketten- und Großhandelsbetreiber) macht trotzdem noch einigermaßen Freude.
Rumoren tut es besonders in England, wo die Apotheken vielfach auf dem Zahnfleisch gehen. In Frankreich oder selbst in den eigentlich gut situierten Niederlanden gehen die Angestellten auf die Barrikaden. Die Gehälter sind dort alles andere als berauschend, nochmals unter unserem bereits nicht sehr hohen Level. Von den „Südländern“ brauchen wir gar nicht erst anzufangen – konstante „Großbaustellen“, man arrangiert sich irgendwie. Wo man hinschaut: Die Sonne scheint gerade über anderen Branchen als den Apotheken – und die Zukunft ist ungewiss.
Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2024; 49(22):19-19