Wie das Betriebsergebnis mit dem Apothekenwert zusammenhängt

Nachhaltige Investitionen zahlen am stärksten auf den Unternehmenswert ein


Wolfgang Sattler, Florian Giermann

Zum kleinen betriebswirtschaftlichen Einmaleins gehört die Binse, dass der Wert eines Unternehmens stark von dessen Gewinn abhängt. Es gibt aber auch externe Faktoren, die stark auf den Firmenwert durchschlagen – insbesondere das lokale Umfeld einer Apotheke. Was Sie als Inhaber alles beachten sollten, um den Wert Ihrer Apotheke realistisch einzuschätzen, das fasst dieser Artikel zusammen.

Den Wert der eigenen Apotheke realistisch einzuschätzen, ist nicht erst dann wichtig, wenn man über einen Verkauf derselben  nachdenkt. (© AdobeStock/FAMILY STOCK)

Der Gewinn einer Apotheke ist das operative Betriebsergebnis, das diese erwirtschaftet. Darunter versteht man den Ertrag, der vom Netto-Umsatz übrigbleibt, nachdem sämtliche Kosten abgezogen sind. Meist ist der größte Kostenblock in Apotheken das Personal. Daneben verursachen Raumkosten (Miete, Pacht) sowie die „AfA“ (siehe Textkasten unten) hohe Kosten. Sollte man also vor dem Verkauf einer Apotheke damit beginnen, beim Personal und bei den Investitionen zu sparen? Immerhin geht dadurch automatisch das Betriebsergebnis nach oben, und damit sollte der Firmenwert ebenfalls steigen.

 

Kurz erklärt: AfA

„AfA“ ist das Akronym für „Absetzung für Abnutzung“. Dieser steuerliche Begriff beschreibt die Abschreibung von Anlagevermögen, das durch Abnutzung an Wert verliert. Die AfA regelt, wie Unternehmen die Anschaffungskosten langlebiger Wirtschaftsgüter – wie Maschinen, Gebäude oder Fahrzeuge – über deren Nutzungsdauer verteilt abschreiben können. Dies reduziert den zu versteuernden Gewinn des Unternehmens, da die Anschaffungskosten über mehrere Jahre verteilt als Aufwand verbucht werden.

Das Ertragswertverfahren

Für die Wertermittlung von Apothekenbetrieben hat sich das Ertragswertverfahren als Branchenstandard etabliert (vgl. AWA 19/2024, S. 9 f.). Die Basis bildet i. d. R. das Betriebsergebnis der letzten drei Jahre, gelegentlich schaut man auch fünf Jahre in die Vergangenheit, um mittelfristige Trends und Entwicklungen besser bewerten zu können.

Das Betriebsergebnis wird dann um die AfA nebst Zinsen und Steuern bereinigt. An ihrer Stelle wird eine kalkulatorische AfA für die Zukunft angesetzt. Wie bei einer Aktiengesellschaft wird schließlich eine fiktive Kapitalisierung des Unternehmens vorgenommen. Dabei muss die Frage beantwortet werden: „Wie viel Rendite könnte ein Investor erzielen, wenn er anstelle der Apotheke in andere Unternehmen oder Anlagen investieren würde?“

Bei dieser Betrachtung wird schnell klar, dass ein Investor Personal und Investitionen vermutlich ganz anders bewerten wird als der Verkäufer, bestimmen diese beiden Faktoren doch maßgeblich die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

In der Apotheke ist ein typisches Beispiel hierfür ein Kommissionierautomat: Ist ein solcher vorhanden und noch in einwandfreiem Zustand, so findet man ihn wertmäßig in den Abschreibungen. Wäre es wirklich besser, wenn das Personal wertvolle Zeit damit verbringt, an Ziehschränke zu laufen und dabei die Kunden allein in der Offizin zurückzulassen? Ähnlich verhält es sich mit den Personalkosten. Sind diese womöglich nur deswegen so niedrig, weil sich der Inhaber 60 Stunden lang selbst im Handverkauf abmüht …?

Externe Faktoren

Doch selbst wenn das Betriebsergebnis positiv ist, wächst und in einem guten Verhältnis zu Umsatz und unternehmerischem Aufwand steht, muss sich das nicht zwangsläufig im Firmenwert widerspiegeln. Dazu ein Vergleich: Was hat einen höheren Wert – ein Goldbarren oder eine Flasche Wasser? Klar, der Goldbarren. Nun stellen wir dieselbe Frage nochmal, jedoch in einem anderen Kontext – wir befänden uns in der prallen Sonne mitten in der Wüste. Auf einmal scheint die Flasche Wasser doch deutlich interessanter zu sein als der Barren Gold ...

Im übertragenen Sinn bedeutet das, dass auch die Firmenwerte von Apotheken stark kontextabhängig sind. Insofern ist eine sorgfältige Analyse des lokalen Umfelds für die Ermittlung eines belastbaren Unternehmenswerts von essenzieller Bedeutung!

Wie sieht die Ärztelandschaft in der Umgebung aus? Welche Fachrichtungen sind vertreten, und wie alt sind die Hauptverordner? Wie steht es mit der Kaufkraft vor Ort? Können mögliche Schwankungen im Verschreibungsverhalten durch Preisanpassungen im OTC- und Freiwahlbereich abgefedert werden? Wie viele Apotheken gibt es in der Umgebung? Und wenn in den letzten Jahren Wettbewerbsapotheken schließen mussten, drängt sich die Frage auf, warum die eigene Apotheke diesem Trend nicht ebenfalls zum Opfer fallen sollte.

Ebenfalls außerhalb der eigenen Einflusssphäre sind regulatorische und politische Entscheidungen. So haben im laufenden Jahr allein das Skonto-Urteil das BGH sowie die Anpassung des Bundesrahmen-Tarifvertrags eine durchschnittliche Apotheke mehrere Zehntausend Euro an Ertrag gekostet, was natürlich voll auf deren Unternehmenswert durchschlägt.

Der Blick in die Zukunft

Entscheidend für die Ermittlung des Ertragswertes ist der unternehmerische Erfolg der Apotheke – jedoch nicht der bisherige, bildet dieser schließlich nur ab, was in der Vergangenheit erwirtschaftet wurde. Er sagt indes wenig darüber aus, wie nachhaltig dieser Ertrag ist und welche Ergebnisse ein Käufer in Zukunft voraussichtlich erzielen kann.

Eine seriöse Ertragswertermittlung zielt deshalb stets auf den zukünftigen, nachhaltig erzielbaren Gewinn ab. Dabei werden interne Parameter ebenso miteinbezogen wie externe, soweit diese absehbar sind. Je weiter der Blick dabei in die Zukunft geht, umso größer wird zwangsläufig die Unschärfe.

Stolperfallen

In der aktuell angespannten Marktlage überschätzen verkaufswillige Inhaber häufig den Ertragswert. Dieser ist – wie der Wert des Goldbarrens in der Wüste – zunächst einmal als rein theoretischer Wert zu sehen. Spätestens bei den Verhandlungen über den Verkauf einer Apotheke laufen die Interessen von Käufer und Verkäufer auseinander, Standortfaktoren werden unterschiedlich bewertet usw.

Auch ein gutes Ergebnis ist unter Umständen wenig wert, wenn in Zeiten von E-Rezept und CardLink z. B. unklar ist, wie loyal der derzeitige Kundenstamm in Zukunft sein wird. Schließlich ist stets auch ein kritischer Blick auf das Team und die Arbeitskultur angebracht: So wird ein 63-jähriger Mitarbeiter den neuen Inhaber nicht dauerhaft entlasten können und seine Stelle wird ggf. aufwändig nachbesetzt werden müssen.

Die Selbstaufopferung des Inhabers sowie ein offensichtlicher Investitionsstau sind in den seltensten Fällen gute Indikatoren dafür, dass ein Apothekenbetrieb nachhaltig wirtschaftlich betrieben wird und zukunftsfähig aufgestellt ist.

Auf der anderen Seite können Umbauten und Modernisierungen die Attraktivität und damit den Wert der Apotheke steigern, selbst wenn solche Investitionen zunächst zulasten der Liquidität gehen. Ähnlich verhält es sich mit Maßnahmen zur Prozessoptimierung: Kurzfristig mögen diese den Ertragswert sinken lassen.

Langfristig führen sie jedoch zu Effizienzsteigerungen, die den innerbetrieblichen Aufwand nachhaltig reduzieren und damit mittel- bis langfristig geeignet sind, den Wert zu erhöhen. Last but not least zahlen auch Investitionen in eine zeitgemäße Digitalstrategie positiv auf den Unternehmenswert ein: Damit lassen sich die Loyalität und Kauffrequenz der Bestandskunden messen und transparent darstellen – eine Kennziffer, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Die langfristige Perspektive im Blick haben

Unterm Strich zahlen nachhaltige Investitionen ins Unternehmen i. d. R. stärker auf den Unternehmenswert ein als kurzfristige Ertragssteigerungen. Allenfalls in der Gründungsphase sollten Apothekeninhaber vorrangig im Sinne der Liquiditätsschaffung und -sicherung agieren. Danach versteht es sich von selbst, dass Investitionen stets im Rahmen dessen liegen sollten, was mit dem Ertrag der Apotheke auch finanzierbar ist.

Apotheker, die mittelfristig einen Verkauf ihrer Apotheke planen, sollten frühzeitig mit den Vorbereitungen starten. Steigern lässt sich der Unternehmenswert insbesondere durch eine frühzeitige Planung, nachhaltige Investitionen, den Ausbau der analogen wie digitalen Kundenbindung sowie die Optimierung von Prozessen.

Zusammen genommen bilden all diese Einzelbausteine das Fundament für robuste Apotheken, deren Unternehmenswert auch bei gesundheitspolitischer Schlechtwetterlage und negativen Rahmenbedingungen Bestand hat.

 

Wolfgang Sattler, Geschäftsführender Gesellschafter der AC Apotheken Consulting GmbH, 47447 Moers, E-Mail: w.sattler@ac-consulting.de

Florian Giermann, Berater, Speaker und Autor, Jurist, 67256 Weisenheim am Sand, E-Mail: info@floriangiermann.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2024; 49(23):10-10