Prof. Dr. Reinhard Herzog
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Zielwertrechnungen sind ein mächtiges Instrument
zur Apothekenstandort-Bewertung! (Foto: AdobeStock_Anucha)
Der Kerngedanke ist im Grunde einfach: Ich möchte (oder muss aufgrund meiner Verpflichtungen) ein Zieleinkommen X erzielen, und rechne hoch, welche Roherträge und Umsätze bei gegebener Kostenstruktur (oder prognostizierter bei Übernahmen oder Neugründungen) erforderlich sind – und welchen Kundenzahlen dies entspricht. Diese Ziel-Kundenzahlen müssen dann einem Realitäts-Check unterzogen werden: Sind sie am Standort überhaupt realistisch erreichbar?
Insbesondere bei Frequenz- und Centerstandorten bedarf es dafür entsprechender Passanten- oder Bonkunden-Frequenzen, die ermittelbar bzw. von den Centerbetreibern abfragbar sind. In Ärztehäusern braucht es entsprechende Patientenzahlen mit Verordnungen, welche sich am ehesten aus der Fachrichtung und den „Scheinzahlen“ (= Patienten pro Quartal) der vertretenen Ärzte ableiten lassen.
Apothekensicht
Auf der Grundlage des bereits aufgestellten Modells (siehe letzten AWA 03/2025, Seite 4 ff.) gehen wir jetzt einige Schritte weiter. Zum einen ersetzen wir die statischen Annahmen für die wichtigen Kostenblöcke „Personal“ und „Marketing“ durch kundenbezogene Werte, sprich die Kennzahlen „Personalkosten je Kunde“ und „Marketingausgaben je Kunde“. Zum anderen können wir auch eine umsatzanhängige Kostenposition für die Rezeptabrechnung und Beiträge zu den Berufsvertretungen vorsehen, z. B. insgesamt dafür typische 0,4 %. Andere Kosten wie die Miete, IT- und Beratungsleistungen, Bürokosten u. a. m. verändern sich dagegen über einen weiten Umsatz- und Kundenzahlenbereich allenfalls minimal. Gleiches gilt für die Kapitalkosten (Zinsen und Abschreibungen bzw. betriebliche Tilgungen).
Übersetzt in ein Excel-Blatt (es steht Ihnen in Form der Excel-Datei ApoSim_mini als AWA-Abonnent zum Download zur Verfügung) sieht das dann aus wie in Abbildung 1, dort zusätzlich mit Erläuterungen. Die spezifischen Personal- und Marketingkosten je Kunde werden mit der Kundenzahl multipliziert und ergeben so die anzusetzenden Jahreskosten. Als weitere zentrale Kennzahl wird der Umsatz je Kunde („Bonumsatz“) vorgegeben. Zusammen mit der Spanne errechnet sich daraus der Bonertrag. Nachdem die Zusammenhänge hergestellt sind, lassen sich nun sogenannte Zielwertrechnungen via „Zielwertsuche“ in Excel durchführen.
Abb. 1: Die Zielwertsuche als mächtiges Werkzeug
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Nehmen wir an, Sie wünschen sich einen Netto-Verfügungsbetrag von beispielsweise 10.000 € monatlich: Welche Kundenzahl benötigen Sie dafür, und welchem Umsatz bzw. Rohertrag entspricht dies? Wichtige Randbedingungen wie Familienstand, Kinder usw. sind natürlich zu berücksichtigen.
Genau diese Frage nach der nötigen Kundenzahl beantwortet Ihnen nun die Zielwertsuche, indem Sie die Zelle mit dem Nettoeinkommen dort auf den Zielwert „10.000“ setzen und als veränderlichen Wert die Zelle mit Kundenzahl angeben. Dann berechnet Excel die erforderliche Kundenzahl, aus welcher sich anhand o. a. Zusammenhänge der Jahresumsatz und Rohertrag ergeben. Diese Funktion ist offenkundig sehr mächtig!
Bonumsätze und -erträge
Insbesondere bei der Abschätzung der Chancen eines Standortes spielen der vor Ort erzielbare Bonumsatz und -ertrag eine zentrale Rolle. Dieser richtet sich nach dem Verhältnis von Rezept- und Barumsätzen, und weiterhin danach, um welche Rezepte es sich handelt (hoch- oder niedrigpreisig, Zahl der verordneten Rx-Packungen, siehe Tabelle 1).
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Gerade in Centern hat oft nicht einmal jeder Dritte eine nunmehr elektronische Verordnung dabei, die zudem bei größerer Entfernung zu den Ärztehäusern niedrigpreisiger ist (eben typische Streurezepte). Im Durchschnitt aller Apotheken kommt gut jeder Zweite mit einer Verordnung in die Apotheke, in Ärztehäusern liegt diese Quote nochmals deutlich höher. Die Werte in Tabelle 1 werden dabei etwas unterschätzt, da Non-Rx-Verordnungen, Rezepturen usw. nicht enthalten sind, was aber letztlich wenig ausmacht. In Centern sehen wir eher „Sparverordnungen“, in Ärztehäusen mehr und teurere Rx-Packungen. Diese Zusammenhänge sind eminent wichtig, um den wirtschaftlichen Rahmen eines Standortes skizzieren zu können.
Fazit
Mit überschaubarem Aufwand kann es auch Ihnen gelingen, höchst aussagestarke, strategische Erkenntnisse zu gewinnen, die der Absteckung des wirtschaftlichen Rahmens dienen und so manch Fehlentscheidung verhindern können. Voraussetzung ist freilich, die oft vorhandene Hemmschwelle zur Nutzung von Excel-Blättern zu überwinden.
Fallbeispiel Einkaufscenter-Apotheke
Es gehe um einen Center-Apothekenstandort ohne Ärzte im Haus. Der Fixkostenblock betrage 200.000 € im Jahr (davon gut 100.000 € Raumkosten), 50.000 € machen die Abschreibungen und ähnlich viel die Tilgungen aus. Hier kommt nur jeder dritte Kunde (normal: gut jeder zweite) mit einem Rezept (E-Verordnung), dessen Wert mit 70 € netto etwas unter dem Durchschnitt liegt. Der durchschnittliche Barverkauf betrage 12,50 € netto, sodass dann 32,50 € Bonumsatz und 8,80 € Bonertrag stehen, beides weit unterdurchschnittliche Werte, aber centertypisch. Die Handelsspanne fällt aufgrund des hohen Baranteils und niedrigerer Rezeptwerte mit 27 % hoch aus. Die spezifischen Kosten betragen vergleichsweise niedrige 5,00 € Personalkosten je Kunde (im Schnitt gut 7,00 €!), für Marketing werden eher bescheidene 0,30 € pro Kopf aufgewandt. Der Vorsteuer-Zielgewinn sei 200.000 € (Cashflow ohne AfA = 250.000 €). Was sagt nun die Rückrechnung auf die erforderlichen Kundenzahlen, Umsätze und Erträge?
Sie ergibt knapp 130.000 Kunden pro Jahr, einen Umsatz von gut 4,2 Mio. € bei einem Rohertrag von etwa 1,15 Mio. €. Möchten Sie 300.000 € Gewinn stehen haben, bräuchte es schon 158.000 Kunden und gut 5,1 Mio. € Umsatz. Erlauben Sie sich nur 0,50 € höhere Personalkosten je Kunde, bedeutet das selbst beim ursprünglichen, niedrigeren Gewinn auch schon 151.000 Kunden und 4,9 Mio. € Umsatz! Das zum Thema Kennzahlen und Effizienz …
Nun müssen die Kunden erst einmal vor Ort sein und in die Apotheke kommen. Wenn diese optimal im Kundenfluss und in Kassennähe der Lebensmittler liegt, können Sie um die 10 % abschöpfen (in schlechteren Lagen sind es teils weit weniger). Das bedeutet: Unter jährlich 1,3 bis 1,5 Millionen Bonkunden im Center (die bei Ihnen vorbeikommen!) macht der Standort unter diesen Bedingungen keinen Sinn. Bei besseren Bonerträgen sieht es freilich anders aus.
Das sollte gezeigt haben, wie mächtig der Ansatz der Rückrechnung (Zielwertsuche) ist. Sie können das u. a. mit den Excel-Rechentools auf der AWA-Website bewerkstelligen.
Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Selbst rechnen!
Rechentools für Apothekenleiter sind Mangelware. Wir schließen diese Lücke und bieten Ihnen ein ausgewähltes Set an nützlichen Kalkulationshilfen auf MS-Excel-Basis. Aus der Praxis für die Praxis: Rechnen Sie nach!
Haben Sie den ersten Teil dieser Serie verpasst?
Hier geht`s zum Beitrag in AWA 3/2025, S. 4f.
Die Grenzen der Existenzfähigkeit ausloten
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Wo liegt die Grenze zur Selbstausbeutung?
(Foto: AdobeStock_photoschmidt)
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2025; 50(04):4-4